Silvester 2010 mit Tschechoslowaken in der Südsee

So werden wir also einmal leben, da oben auf dem Mond. In riesigen ovalen Hallen, die einen Hauch von Planet Erde versprühen. Harmlose Pflanzen sollen Urwälder simulieren und ein etwas zu groß geratenes Planschbecken die Ozeane. Tiere gibt es keine. Das ist wohl der Preis, den wir für die Besiedlung des Trabanten zu zahlen haben.

Sollte so die Zukunft aussehen, kann sie schon heute besichtigt werden. In Brandenburg im Tropical Islands. Früher wurden hier Luftschiffe gebaut, dann war es mit der Luftschifffahrt vorbei und irgendwer fand, dass hier im Niemandsland zwischen Berlin und Dresden noch ein Tropenparadies fehlt. Und in diesem wollte ich den Jahreswechsel verbringen.

Bei meiner Ankunft um 22.30 Uhr liegen mehrere Highlights des Silvesterabends schon hinter den Gästen. Das Buffet und ein Showprogramm. Kurz darauf spaziere ich dann auch schon durch die etwas dunkle Kunstwelt (mehr Kunstsonnenlicht bitte!). Von irgendwo dröhnt Mallorcaurlaubsmusik herüber. Wie sich herausstellt, leider genau vom Südseestrand, an dem nachher das Feuerwerk stattfinden soll. Weil noch etwas Zeit bleibt, setze ich mich noch in irgendeine Lagune, die eigentlich eine Gaststätte ist, so wie erstaunlich viel in dieser exotischen Welt Gaststätte, Laden oder Geschäft ist. Turbokapitalistische Insulaner.

Dann geht es auf Mitternacht zu und ich mache mich auf zum Südseestrand. In der Hand einen Sektgutschein, der mir bei der Ankunft mit sorgenvollem Gesicht überreicht wurde. „Aber schnell einlösen, der gilt nur am 31.12.“ Die Sorge der erfahrenen Empfangsdame war berechtigt gewesen, es gelingt mir nicht, noch wenige Minute vor dem „10…9…8…“ dieses Stück Papier in etwas Trinkbares einzutauschen. Also ohne Getränk runter zum Strand. Kühl, deutlich zu kühl für Südseeatmosphäre. Auf einer Inselbühne in der Südsee, die die Ausmaße eines größeren Kinderbeckens hat, stehen zwei Animateure, die völlig zu Recht ins brandenburgische Exil verbannt worden sind. Sie schreien die Gäste an, dass sie noch nie ein so tolles Publikum gehabt haben. Müder Applaus. Das tollste Publikum sitzt und liegt herum und nur wer es sich fest vorgenommen hatte, wippt etwas mit, wenn die beiden Gutelaunemacher Gutelaunelieder grölen. Es ist 23.56 Uhr und den beiden scheinen die Themen ausgegangen zu sein. Also machen sie mit einem Zählappell weiter.

„Haben wir Gäste aus Brandenburg?“, „Haben wir Gäste aus Berlin?“, „aus Niedersachsen?“, „Sachsen“, „Polen“. Sie rufen sogar die Freunde aus der Tschechoslowakei aus. Erstaunlich daran ist gar nicht mal die Frage, ob die Animateure die eine oder andere weltpolitische Veränderung verpasst haben, sondern dass von irgendwoher zur Bestätigung applaudiert wird. Ich feiere Silvester 2010 also zusammen mit Tschechoslowaken.

(hier geht es weiter)

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