Ein Hauch von Intifada

In den letzten Jahren galten Veranstaltungen wie Rock am Ring als Großevents. Doch jede Mode geht einmal vorbei und wird durch eine andere ersetzt. Der Trend geht jetzt eindeutig zu Protestveranstaltungen. Protest gegen Bahnhöfe, gegen Studienbedingungen, gegen Kriege (der USA & Israel), gegen den Klimawandel und gegen den Kapitalismus. Aktuell steht ein Klassiker auf dem Programm: Castor!

In machen Familien mit Protesttradition ist schon die zweite oder gar dritte Generation auf den Äckern, den Landstraßen und Gleisen aktiv. Wenn Gorleben ruft, kommen sie alle. Jung und Alt und die Wendländer ohnehin, denn die sind für jede Ablenkung dankbar. Ist ja nicht gerade der spannendste Flecken Deutschland, den sie da verteidigen müssen.

Gegen Castor sein ist ein bisschen wie auf die Loveparade zu gehen, nur sicherer. Alle sind gut drauf, man kennt sich, macht etwas Party und weiß dabei nicht so genau, was man denn nun eigentlich gegen Atomkraft hat. Zumal gilt: „Atomkraft, nein danke“ ist kein Argument, sondern nur ein Slogan.

Ein gutes Beispiel für den Eventcharakter , den die Atomproteste haben, ist Charlotte Roche.  Ohnehin chronisch überschätzt, reiht sie sich ein, wirft sich für die Fotografen in eine „Schluss damit“-Pose und erklärt auf die Frage, was man denn mit den Brennstäben machen soll, „Ich weiß doch auch nicht“. Die taz betitelt ihr Roche-Foto trotzdem nicht mit ‘Hat keine Ahnung, was sie hier will’, sondern mit ‘Hat was gegen Atomkraft’.

Macht aber auch nichts, denn dass die Protestkultur so boomt, liegt ja gerade daran, dass man sich als Protestler inhaltlich recht wenig mit dem Thema befassen muss. Das verlangt niemand. Die Studentenproteste der letzten Jahren beispielsweise, benötigten praktisch keine stichhaltigen Argumente. Es dürften wenige Aufnahmen in den Archiven von Fernseh-, und Radiosendern ruhen, auf denen für die Gründe der Proteste anderes vorgebracht wird als „irgendwie find ich das halt voll fies, so Leistungsdruck und so“. Ähnlich reflektiert waren auch die Kommentare derer, die in Heiligendamm 2007 den G8-Gipfel bekämpften. Was zählt ist Gefühl. Rationale Argumente, Abwägen der Vor- und Nachteile, das ist was für die Kapitalisten, also Manager, Banker und andere Umweltsünder.

Und jetzt also Castor. Da ist jeder willkommen. Gregor Gysi (der sich in seinen SED-Jahren auch nicht vorstellen konnte, dass es in seinem Land mal ganz legale Bürgerproteste gegen die Regierung geben wird und er ein Teil davon ist) fährt mit dem Traktor vor, Claudia Roth erscheint mit Cem Özdemir, aber ohne Kopftuch und Veteranen der Bewegung sprechen stolz davon, seit wie vielen Jahrzehnten sie schon „im Widerstand“ sind. Ein Hauch von Intifada liegt dann über dem Wendland und auf den Gesichtern der lebensversicherten und eigenbeheimten Freiheitskämpfern. Und solange der Strom nicht ausfällt und die eigene Lebensqualität nicht unter den „Fortschritt stoppen, hier und überall“-Visionen leidet, kann der Widerstand unbesorgt fortgesetzt werden.

Eine Frage aber bleibt: Was würden die Castor-Gegner eigentlich machen, wenn der Zug nicht bewacht wird und sie ihn gestoppt haben? Umwerfen?

(zuerst hier erschienen)

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3 Kommentare - “Ein Hauch von Intifada”

  1. André Says:

    Hallo Gideon,
    findest Du also Atomkraft fortschrittlich? Ich weiß nicht so recht… Und seltsam auch, Charlotte Roche vorzuwerfen, dass sie nicht weiß, wohin mit dem Atommüll, wo doch niemand weiß, wohin mit dem Atommüll – schließlich gibt es keine sicheren Endlager! Aber Hauptsache fortschrittlich, hm?

  2. Gideon Böss Says:

    @ André

    Atomkraft ist eine sehr umweltschonende Art der Energiegewinnung. Von mir aus kann sie gerne ersetzt werden, aber da will ich die Garantie, dass der Energiebedarf durch die Alternative (z.B. Sonnen, Wind, Wasser) mindestens ebenso gut gesichert ist wie durch die Atomkraft. Da gibt es im Moment noch nichts.

    Und natürlich sind AKWs jedem dreckschleudernden Kohlekraftwerk vorzuziehen.

    PS: Wie definierst Du denn „forschrittlich“?

  3. Chewey Says:

    @ Gideon

    Ich bin nicht grundsätzlich gegen Atomkraft eingestellt und bin mir ebenso im klaren, dass mit Wind-, Wasser- und Sonnenenergie ein Industrieland wie D nicht annähernd versorgt werden kann, aber wenn man sich mit den unfassbaren Schlampereien, Lügen, Verschleierungen und bewussten Ausblendungen von Fakten bei „Asse 2“ beschäftigt und zugleich sieht, dass nach Ansicht etlicher Wissenschaftler die selben Fehler nunmehr mit „Schacht Konrad“ wiederholt werden (auch in Asse war Wassereinbruch gutachtlich ausgeschlossen worden; würde jetzt nicht milliardenteuer komplettsaniert, stünden wir vor der Trinkwasserverseuchung der gesamten Region), dann fragt man sich doch unwillkürlich, ob ein kleines Land wie D, dass seinen Atommüll nicht einfach in die Pampa schmeißen kann, wirlich gut beraten ist, sich dieser Technologie zu bedienen.
    Kohlekraftwerke sind in D natürlich keine Dreckschleudern mehr, sondern energieeffizient und schadstoffarm wie kaum etwas anders auf der Welt. Aber sie stoßen selbstverständlich CO2 aus, das muss einem klar sein.
    Bei den Castorprotesten hatte ich auch den Eindruck, einem selbstbezogenen Feelgood-Ritual beizuwohnen, aber dass die Problematik alles andere als gelöst ist, das stimmt auch!


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