Unter Linken, der Film

Gestern Abend habe ich den Film „Unter Linken“ gesehen, der auf dem Buch „Unter Linken“ basiert, das ich nicht gelesen habe. Mein Eindruck war: zu nett, der Jan Fleischhauer. Leider.

Die Gespräche mit linken A-Promis hörten immer die entscheidende Frage zu früh auf. Anstatt noch weiter nachzusetzen und den Gegenüber wirklich in Erklärungsnot zu bringen, beließ Fleischhauer es dabei. Besonders schade war das bei Dieter Hildebrandt, dem uralten Vorsitzenden der Verdi-Gewerkschaft Humor und Kabarett. Zuerst behauptete er, dass er sich schon immer über die Linke lustig gemacht hätte und dann fiel ihm kein einziger passender Witz ein. Es dauerte lange, ehe er sich doch an einen einzigen erinnerte. Warum fragt man dann nicht noch einmal nach, ob dieser Mann tatsächlich ein langes Leben lang Witze über die Linke gerissen hat, wenn ihm nur mit Müh und Not ein einziger einfällt?

Am interessantesten waren die Szenen, in denen Aktivisten selbst zu Wort kamen. In der Grünen Jugend besetzt eine Nachwuchsvollblutdemokratin den Posten der Umerzieherin. Sie macht sich ausschließlich Gedanken darüber, wie man die Sprache von allem Schmutz säubern kann. Geschlechter sind so ein Schmutzfaktor. Eine grüne Welt ist eine geschlechtsneutrale Welt, eine Welt ohne „man“ und ohne Vergewaltiger (denn das heißt künftig VergewaltigerInnen). Wobei menschInnen dem lahmen Durchschnitt gleich mehrere Schritte voraus ist. Die Diktatur der zwei Geschlechter soll fallen. Weil es auch Leute gibt, die weder das eine noch das andere sein wollen, muss die Sprache noch weiter verändert werden. Aus dem Vergewaltiger, der schon heute eigentlich VergewaltigerInnen heißt, wird morgen der Vergewaltiger_innen, was durch den tiefen Strich und das kleine i auch die ganzen Leute anspricht, die längst nicht mehr in den Schablonen Mann/Frau denken. Wann die Grüne Jugend Mario Barth, den Verbreiter eines durch und durch reaktionären Geschlechterbildes, hinrichten lässt, fragte Jan Fleischhauer leider nicht nach.

Interessant waren auch die seltsamen Lesben, die auf die Frage, weshalb die Schwulen denn ein Problem damit haben, dass das Mahnmal für die verfolgten und ermordeten Homosexuellen neben einem Video küssender Männer auch eines von küssenden Frauen zeigen soll, antworteten, dass die Schwulen auch Männer sind und niemand vergessen darf, dass wir in einem Patriarchat leben! „Das erklärt alles“, na dann. Dass es schlicht keine Verfolgung von Lesben durch die Nazis gab und deswegen die Schwulen die Forderung einer „Öffnung des Mahnmals“ auch für lesbische Opfer (der am Ende nachgegeben wurde) suspekt fanden, wäre wohl eine zu einfache, eine zu patriarchale Erklärung gewesen. Naja, auch Phantomtote sind Tote. Irgendwie.

Die Szene von einer linken Demonstration in Kreuzberg spülte dann noch zwei im besten Sinne des Wortes sehr dumme Typen vor die Kamera. Einen ältere Trottel, der einen CDU-Mann empört beschimpft, weil der es wagt, Werbung für seine Partei zu machen und einen anderen (nicht weniger dämlichen, dafür aber deutlich jüngeren) Kerl, der einem CDUler revolutionär Wasser über den Kopf schüttet und dann zur Polizei flieht, als Fleischhauer wissen will, warum er das getan hat.

Ströbele kommt auch vor. Anschauen kann man sich den Film schon. Aber besser hätte er sein können. Viel besser.

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6 Kommentare - “Unter Linken, der Film”

  1. Jens Says:

    Schon richtig, aber allzu heftiges Insistieren kann bei Linken durchaus gefährlich werden: den Eindruck hatte ich jedenfalls bei Herrn Bsirske, den wohl nur die laufende Kamera davon abhielt, Herrn Fleischhauer eine runterzuhauen. Der Einblick in das Innenleben der Grünen Jugend, die den Kapitalismus abschaffen will, aber gleichzeitig mit diversen Produkten aus dem Hause Apple durch die Gegend läuft, war schon ziemlich witzig. Von den „Unisex-Toiletten“ ganz zu schweigen. Wie auch immer: ich fand den Film insgesamt viel zu kurz, er kam mir eher vor wie ein verlängerter Trailer. Das Buch ist viel besser (und deutlich unterhaltsamer).

  2. Gideon Böss Says:

    Ja, fand ich auch überraschend kurz. Wäre spannender gewesen, wenn es mehr Zeit für die verschiedenen „Stationen“ gegeben hätte.

  3. willow Says:

    Sicher, er hätte nachsetzen können, agressiver agieren… andererseits – so wie er es gemacht hat, können sich auch -habe den Test gemacht- halbwegs normale linksmainstreambeeinflußte Leute diesen Film anschauen, über linke Sprechblasen lachen und vielleichtvielleicht einen ersten Schritt tun, das ganze pseudoreligiöse Theater in Frage stellen… ich habe auf den Film durchaus positive Reaktionen bekommen.

  4. daniel Says:

    Unterhaltsam ist das schon. Was ist Ströbele eigentlich für ein Peilhorst? („Ich lese da grade ein Buch, von einem… Ach das sind Sie?! Hätt ich das gewusst…“) Und Aggro-Bsirske dreht am Rad, wie geil!

  5. witschweinchen Says:

    Besonders nervig: man findet bei Ströbele doch schon genug Unfug den man zerpflücken kann, muss man dem dann noch mit irgendeinem „Fazit“ das Wort im Munde umdrehen, damit das rauskommt was man senden will?:D
    Zudem, schade, dass auf Antiamerikanismus nicht weiter eingegangen wird und mir persönlich waren es einfach zu viele halb-rechte-hippie-spießer-Eltern Anekdoten.

  6. Wb Says:

    Es sprach folgendes gegen das Insistieren:
    1.) es entsteht der Eindruck der Verbissenheit, im schlimmsten Fall der des Rechts-Seins (mit der Folge: Karriereende)
    2.) Linke sind gefährlich, es hätte auf die Fresse gegeben
    3.) der Charme des Films wäre verloren gegangen, so wies vorgetragen worden ist, stehen die Linken im Hemd und wirken unerträglich spießig und dumm
    4.) Fleischhauer hat seine Stärken ausgespielt, viel Substanz hat der Mann – Zitatprobe: „Ich schwanke zwischen bürgerlich und Monarchist.“ – wohl nicht. Ist ja Deutscher, bürgerliche Deutsche bringen es nicht, sondern lassen sich letztlich immer von dummen linken und lauten Kräften die Butter vom Brot nehmen.

    Achtung, NS-Vergleich folgt: 😉
    Wenn man diese armen linken Würste sieht, dann wird klarer, warum die Deutschen auf Adolf gehört haben!

    MFG
    Wb


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