Besuch der Reichstagskuppel

Vor ein paar Tagen entschloss ich mich zur Bewanderung der Reichstagskuppel. Wie immer warteten viele Leute darauf, eingelassen zu werden. Meistens Touristen. Es ging schleppend voran, weil es für alle Besucher nur einen einzigen Metalldetektor gibt.

Die Kuppeldach-Interessierten stehen dabei unter dem Generalverdacht, Ausländer sein zu müssen, denn wer nicht gerade in Dirndl und Lederhose aufkreuzt, erhält alle Auskünfte erst einmal in englischer Sprache. Nach dieser ersten Sicherheitsüberprüfung folgte die zweite und wesentlich härtere. Ein als Fahrstuhlführer getarnter Elitepolizist mit dem Schwerpunkt psychologische Kriegsführung, schnauzte dabei die Russen, Portugiesen, Engländer und Deutschen ohne Berlinhintergund an. „Seid ihr festgetackert oder was? Los, los, los, rein jetzt, ich will hochfahren!“

Terroristen machen Fehler, wenn sie unter Stress gesetzt werden. Das wissen die israelischen Polizisten am Flughafen in Tel Aviv, das weiß auch der Fahrstuhlführer im Bundestag. Und der Erfolg gibt den Profis recht. Hier wie dort.

Die gläserne Kuppel selbst sieht chic aus. Weil Berlin weder mit Gebirgen, Wäldern oder mächtigen Flüssen aufwarten kann, sondern nur mit sich selbst, empfiehlt es sich überdies, bei Nacht die Aussicht von hier oben zu genießen. Die Lichter einer Großstadt sind doch immer wieder ein toller Anblick. Ich griff mir einen Art Walkman, der auf Schritt und Tritt sein Faktenwissen über alles Mögliche kundtat.

Die Kuppel ist nicht geschlossen, verriet er, weswegen bei Regen das Wasser in einen Trichter fällt, der wiederum für die Energiegewinnung im Parlament (mit-)verantwortlich ist. Überhaupt ist der Bundestag der in Stein gemeißelte Beweis dafür, wie sehr die Grüne-Bewegung in Deutschland triumphiert hat. Ob Wind, Regen oder Sonnenschein, nichts bleibt verschont, alles wird in erneuerbare Energie umgewandelt. Als ich dann hinunter in den Plenarsaal blickte, erklärte mir mein Walkman plötzlich, dass es sich hierbei um das Herz der Demokratie handelt. Ich würde zwar sagen, dass der Bürger das Herz der Demokratie ist, aber da kann man sicherlich geteilter Meinung sein.

Kurz darauf brachte mich der SEK-Fahrstuhlführer wieder hinunter. Bevor man den Bundestag aber verlassen kann, verbringt der Ex-Besucher noch ein paar Minuten in einem Zwischenraum. Eine Glastür trennt ihn vom Innenleben und eine Glastür trennt ihn von der Außenwelt. Still geht es zu, in diesen Momenten. Ein Polizist steht ganz vorne und versucht, seine nicht zu imposante Körpergröße durch umso mehr Breitschultrigkeit auszugleichen. Er steht da und schweigt. Auch alle anderen Leute, die hier zwischen die zwei Glastüren geraten sind, schweigen.

Dann öffnete sich der Ausgang. Der Polizist steht auf der obersten Stufe der Treppen zum Reichstag und ich frage ihn, welchen Zweck dieses Warten denn erfüllt. „Für die Sicherheit“, merkt er nicht zu freundlich an. „Ja, und welchen Nutzen hat das? „Das ist der Bundestag, da muss man aufpassen. „Aber warum muss man zwei Minuten in diesem Zwischenraum stehen?“„Das sind Vorschriften für die Sicherheit. “Viel mehr bekam ich von ihm nicht zu hören. Er wusste es nicht besser und schien da auch noch nie drüber nachgedacht zu haben. Eine Vorschrift ist eben eine Vorschrift. Dann musste dieser kritische Geist auch schon wieder die drei Schritte zurück eilen. Der nächste Stoß an Menschen hatte dort mit ihm nun zwei Minuten Lebenszeit zu teilen.

(der Text ist als erstes hier erschienen)

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