Gottesfragen in der ZEIT

Ich weiß nie so genau, ob man Feuilleton-Artikel überhaupt kritisieren darf, oder ob das gegen irgendwelche ungeschriebenen Gesetze verstößt. Vielleicht sind die Gedanken, die darin geäußert werden, ja gerade deswegen oft so mutig, so alternativ und „provokant“ (in jedem zweiten Satz wird mahnend gefragt, ob die westlichen Moralvorstellungen wirklich besser sind als z.B. die irgendwelcher Kannibalenstämme oder der iranischen Mullahs. Kleiner Tipp am Rande, die Antwort lautet immer: Nein), weil ihre Verfasser sich darauf verlassen können, für ihren Stuss nicht kritisiert zu werden. Nun gut, ich mach es aber trotzdem mal. In der aktuellen ZEIT, schreibt Terry Eagleton unter der Überschrift „Die Gottesfrage“ über Gott, die Welt und die liberale Gesellschaft. Die Frage ist: hat der Westen der Religiosität des Islam etwas entgegenzusetzen. Es geht in diesem Artikel angenehm abstrakt zu und die Zeilen sind bevölkert von „Zweckrationalität“, von „Postmoderne/-ideologie/-historie“ und vor allem von der omnipräsenten „Metaphysik.“; einmal sogar in Gestalt der „Postmetaphysik.“

Warum plötzlich alle Welt von Gott spricht, will der Denker wissen und warum seine Buchhandlung plötzlich eine Abteilung „Atheismus“ habe. Außerdem sei ihm aufgefallen, dass allerorten die Theologie „wie Unkraut aus dem Boden“ sprießt. „Können wir all dies fanatischen Islamisten und einstürzenden Türmen zuschreiben„, will er wissen. Und während noch nicht ganz klar ist, ob die Islamisten für die „Atheismus“-Abteilung in Eagletons Buchhandlung verantwortlich sind, will dieser ihnen schon die Verantwortung für den 11.September aberkennen. Feuilleton-Klug stellt er klar:

„Zum einen spielte Religion für den 11. September so wenig eine Rolle wie die Frage der Unfehlbarkeit des Papstes beim Nordirlandkonflikt zwischen Katholiken und Protestanten. Zum anderen versteht der radikale Islam deprimierend wenig von seiner eigenen Religion, und alles deutet darauf hin, dass die Motive für die schrecklichen Attentate vom 11. September eher politischer als religiöser Natur waren. Es könnte aber auch sein, dass der islamische Fundamentalismus den Westen nicht nur mit Blut und Feuer, sondern auch mit einem Widerspruch konfrontiert – dem Widerspruch zwischen seinem eigenen Willen zum Glauben und seiner Unfähigkeit, überhaupt glauben zu können.“

Die Attentäter von New York hatten also vor allem politische Gründe für ihre Tat. Deswegen erinnern sich Studienkollegen im Nachhinein auch nicht in erster Linie daran, dass sich die Gotteskrieger zunehmend radikalisierten, den Koran immer wörtlicher nahmen und voller Verachtung für Ungläubige im allgemeinen und Juden im besonderen waren, sondern sie erzählen von jungen Leuten, die sich gegen die Bahnprivatisierung und die hohe Mehrwertsteuer aussprachen.

Aber Eagleton ist ja nicht so naiv, den islamischen Terror einfach zu leugnen, nein, viel besser, er erklärt woher dieser rührt und wer für ihn verantwortlich ist.

„Kaum war im Westen das definitive Ende der »großen Erzählungen« (à la Marxismus, Fortschritt, Aufklärung) verkündet worden, als seine eigene Politik gegenüber der muslimischen Welt dazu beitrug, eine neue Großerzählung namens islamischer Radikalismus hervorzubringen.“

Wichtiger Punkt, denn wie allgemein bekannt ist, besteht das Problem nicht darin, dass auf der einen Seite die Islamisten eine ganze Reihe von Menschen als lebensunwert betrachten (z.B. Schwule, Juden, Moslems, die keine Moslems mehr sein wollen, Moslems, die keine Fanatiker sind) und Frauen erst gar nicht als richtige Menschen akzeptieren, während auf der anderen Seite im Westen Wert darauf gelegt wird, dass die Freiheit des Einzelnen geschützt wird. Nein, das Problem ist ein anderes, nämlich:

„Plötzlich ist die Welt in zwei Lager gespalten, in diejenigen, die viel zu viel, und diejenigen, die viel zu wenig glauben.“

Und dann legt der Denker noch nach:

„Spätkapitalistische Kulturen neigen nicht zu übermäßiger Gläubigkeit. Sie hängen weniger bestimmten Glaubensinhalten an als vielmehr der Überzeugung, dass es den Menschen freigestellt sein sollte, solche Glaubensinhalte zu vertreten.“

Ganz unaufgeregt und erfrischend neutral stellt er das mal klar. Es ist ja eigentlich auch fast das Gleiche, ob es Religionsfreiheit gibt, oder den Zwang, einer Religion anzugehören.
Mittlerweile, wir lesen den fünften Absatz des Artikels, befinden wir uns längst in der „sind wir wirklich so viel besser“-Einbahnstraße. Selbstkritisch wird behauptet:

„Wir sind uns darüber einig, dass es falsch ist, Menschen über dem Feuer zu rösten, aber wir können uns nicht darüber einigen, warum wir uns darüber einig sind.“

Zwar kenne ich Menschen, die das rösten von Menschen falsch finden und (!) sich darauf einigen können, warum sie es falsch finden (die Menschenrechte spielen u.a. eine Rolle), aber damit können wir uns jetzt nicht aufhalten, weil nämlich endlich Tacheles geredet wird:

„Die eigentliche Ironie besteht darin, dass der liberale Säkularismus in Wirklichkeit Fundamentalismus gebiert. Zugespitzt gesagt: Die beiden Todfeinde, Säkularismus und Fundamentalismus, sind insgeheim zwei Seiten ein und derselben Münze.“

Na also. Der Westen ist nicht nur für den Terror verantwortlich, er selbst ist der Terror. Zumindest wenn man die Münze umdreht, beziehungsweise den Terror, um es zugespitzt zu sagen. Und jetzt geht es Schlag auf Schlag:

„Wie hässlich und gewalttätig er auch immer auftritt, der Fundamentalismus entsteht aus Furcht und Angst, nicht aus Hass. “

Und jeder, der sich einmal die furchterfüllten Gesichter der ängstlichen Islamisten angesehen hat, die sich stolz damit rühmen, Daniel Pearl oder Nicholas Berg den Kopf abgeschnitten zu haben, weiß: Hass war da nicht im Spiel. Viel eher erinnerten ihre Taten an die „instinktive Reaktion all jener, die von einer supersäkularen, oberflächlichen, rein technologischen Rationalität zu spirituellen Fanatikern gemacht wurden – weil diese Rationalität alle unsere emotionalen und metaphysischen Fragen achtlos beiseite wischt und den Eiferern überlässt.“

Und der gute Eagleton bringt noch mehr Entlastungs-Argumente für den Islamismus in Stellung, ohne die Islamisten gefragt zu haben, ob sie das überhaupt wollen. Denn die haben doch eine ganz andere Theorie, weswegen sie töten. Zum Beispiel für das noble Ziel, eines Tages die Welt zu unterwerfen, um sodann alle zu ermorden, die ihnen nicht passen. Auch hat Eagleton noch nicht abschließend erklären können, warum die Islamisten immer noch auf Allah und Mohammed schwören, wenn sie ihre Massaker auf Marktplätzen verüben und nicht dazu übergehen, die ungerechte Globalisierung als Motiv zu nennen. Aber vielleicht wird er sie ja noch überzeugen können, denn er weiß besser als bin Laden, für was bin Laden kämpft und warum er kämpft.

„Zu mörderischer Gewalt verleitet werden diese Menschen auch durch eine Art von Zivilisation, deren Identität unter anderem darin besteht, auf anderer Leute Identität herumzutrampeln.“

So einfach ist es! Und weil das Steinigen der saudi-arabischen Identität entspricht, darf nicht auf ihr herumgetrampelt werden. Denn das Trampeln für Menschenrechte ist ein Verbrechen und zu verurteilen, das Steinigen im Namen Gottes hingegen Kultur und zu respektieren. Und gerade, als sich der aufmerksame Leser denkt: Man könnte sogar noch weitergehen!, geht der Autor auch weiter:

„Man könnte sogar noch weiter gehen und behaupten, die neue Form von Barbarei sei nichts Geringeres als die Form der Kultur selbst.“

Und schöner hat noch keiner die Opfer des islamischen Terrorismus verhöhnt. Obwohl den Gedanken Eagletons natürlich zuzustimmen ist, wirft der folgende Absatz doch zwei Fragen auf:

„Mit dieser Antithese gibt es jedoch mindestens zwei Probleme. Zum einen lässt sich der Gegensatz von Zivilisation und Kultur (…) keinesfalls auf die West–Ost-Achse projizieren, wie das diejenigen unter uns gern hätten, die von einer kulturellen Überlegenheit des Westens ausgehen. Tatsächlich geht der Gegensatz quer durch West und Ost und trennt in den USA liberale Demokraten von mörderischen Abtreibungsgegnern genauso wie Bin-Laden-Anhänger von islamischen Gelehrten im Osten.“

1.) Was ist mit all denen, die nichts in eine „West-Ost-Achse projizieren“, aber dennoch „von einer kulturellen Überlegenheit des Westens ausgehen“? 2.) Verharmlost die Gleichsetzung von Abtreibungsgegnern und Bin-Laden-Anhängern nicht die Abtreibungsgegner?

Kurz vor Ende des Artikels steht dann Folgendes.

„Die Idee der Kultur drängte sich im 19. Jahrhundert in den Vordergrund. Einer dieser Gründe bestand im Versuch, Ersatz für eine Religion zu finden, deren Kräfte im Schwinden begriffen waren. Oberflächlich betrachtet, schien dieser Gedanke durchaus plausibel. Sowohl in der Religion als auch in der Kultur ging es um absolute Werte, Grundprinzipien, rituelle Praktiken, organische Einheit, symbolisches Handeln und die Verschmelzung von Geistigem und Sinnlichem. Trotzdem vermochte es die Kultur nie, in die Fußtapfen der Religion zu treten. Der universellsten, historisch zählebigsten symbolischen Form, die die Menschheit je gekannt hat, konnte sie nicht das Wasser reichen. Nachdem sie an dieser Aufgabe im Großen und Ganzen gescheitert ist, strebt die Kultur heute danach, die Politik zu ersetzen.“

Nun wird es etwas kompliziert. Wenn die Barbarei nämlich, wie weiter oben erklärt, „nichts Geringeres als die Form der Kultur selbst“ ist, wie soll dann der letzte Satz verstanden werden:

„Nachdem sie an dieser Aufgabe im Großen und Ganzen gescheitert ist, strebt die Kultur heute danach, die Politik zu ersetzen.“

Bedeutet das also, dass die Barbarei danach strebt, die Politik zu ersetzen oder habe ich da jetzt irgendeine metaphysikalische, postmoderne Hintertüre übersehen? Ist ja eigentlich auch egal, denn Eagleton stellt schließlich klar, dass sich all die Mühe eh nicht lohnt. Für was sollte die offene Gesellschaft verteidigt werden, wenn deren Werte „immer befleckter und unplausibler“ wirken. Und überhaupt hat er doch Recht, wenn er kritisch anfragt, ob es noch viel gibt, was „das herrschende globale System“ vor seinen illiberalen Feinden verteidigen könnte, was sich zu verteidigen lohnt. Es spricht für Eagletons Bescheidenheit, als etwas verteidigenswertes nicht genannt zu haben: das Feuilleton.

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2 Kommentare - “Gottesfragen in der ZEIT”

  1. Sky Says:

    Ja, es gibt Fachleute, Experten und Dummschwätzer. Kultur ist dann, wenn sog. Intellektuelle sich des Themas bemühen immer Dummschwätzertum.
    Vor Experten sei an dieser Stelle ebenfalls gewarnt,
    letztlich sind es immer Fachleute wie Henk, Gideon und ich, die Kooperationsprobleme – um nichts anderes handelt es sich hier – adäquat bearbeiten und der Gemeinheit heruntergebrochen darlegen und erklären.

    Ich würde gerne ein paar Kurse i.p. Systemphilosophie und Webkompetenz geben, hat jemand Interesse?
    Oder irgendwas mit IT?

  2. schmitt Says:

    Der Typ kann auch bestimmt erklären, wie der „unterdrückte“ Himmler zum Holocaust gezwungen wurde. Post-prae-sub-ultra-metaphysisch!


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