Ostermarsch 2008 bzw. Der Arbeiter-und-U-Bahn-Fahrerstaat

images-5.jpegWarum sie immer sofort auffallen, ist schwer zu sagen. Es liegt nicht an einem einzelnen Merkmal, denn sie sind eigentlich weder zu laut, noch zu groß, noch zu aggressiv, es muss etwas anderes sein. Vielleicht sind es die paranoid-verstörten Blicke, mit denen sie die Gegend ruhelos nach imaginären Agenten absuchen oder es ist ihre mimisch-intellektuelle Unzurechnungsfähigkeit, die jedem auffällt, der in ein solches Gesicht blickt. Sei es, wie es ist, fest steht: Wenn man einem kleinstklugen Verschwörungstheoretiker gegenüber steht, weiß man einfach, dass man einem kleinstklugen Verschwörungstheoretiker gegenüber steht.

Und wenn die Ostermarschierer auseinander gehen, ist die Chance groß, solche Wesen zu treffen. Etwa am Zoologischen Garten, etwa am vergangenen Montag, etwa an der U-9. Genauer gesagt handelte es sich dabei sogar um zwei: um ein Paar, das sich (trotz denen da oben) gefunden hat. Vereint im Glauben daran, dass es der Sinn des Lebens ist, offizielle Abschlussberichte als Vertuschungsversuche zu bezeichnen.

Er, gedrungene, fast kugelhafte Gestalt, eingepackt in eine dunkelblaue Jacke. Das Haupthaar ist schon verstorben, der Gang entschlossen unentschlossen. Sie, einen halben Kopf größer als er, in der Hand eine eingerollte Fahne. Dunkelblaue Jacke. Beide tragen „Peace“-Buttons, auf denen „Ostermarsch“ steht.

Die U-Bahn fährt ein, sie setzen sich. Der Waggon ist fast leer, es ist still. Der Ostermann erklärt seiner Frau: „Jetzt haben wir sechs Minuten auf die Bahn warten müssen. In der DDR ist die in einem durch gefahren. Da musste man nicht warten. Aber hier, in dem kapitalistischen System…“ Mehr muss er nicht sagen, die Systemkritik ist erschöpfend genug. Ein zustimmendes „Ja.“ Man versteht sich. Kurzes schweigen. Es wird dem Arbeiter-und U-Bahn-Fahrerstaat nachgetrauert. Dann holen die Ängste der Gegenwart die beiden ein. Die Frau spricht es aus: „In Kuba wollen sie das jetzt auch haben. Demokratie.“, „Ja, ja,“, seufzt es zurück, „die Jugend will da demokratische Zustände. Weiß man ja auch, was das bedeutet. Wer das wirklich will, wer davon profitiert.“ Die Fahne donnert auf den Boden. Ohnmächtiger Zorn derer, die von der Realität verraten wurden.

„Guten Tag, ich verkaufe die Obdachlosenzeitung…“, ruft es jetzt durch den Waggon. Der Ostermann zögert keine Sekunde, springt auf und bedrängt den überraschten Obdachlosen mit seinen Ratschlägen. „Pass gut auf dich auf, die ziehen dich sonst hier raus. Die ziehen dich hier raus, wenn du nicht aufpasst. Die kennen da nichts.“ Irritiert dreht der Verkäufer ab. Zufrieden kehrt der Unbeugsame zurück. „Da muss man aufpassen, gerade solche Leute haben sie im Visier.“, erklärt er. „Das stimmt, schlimm, die Polizei.“, kommt es wenig überraschend zurück. „Hast du die schon mal gesehen, in ihren Rüstungen?“, macht er weiter. „Da, die haben Protektoren an den Beinen und die Arme sind geschützt, sind auch Protektoren dran. Sogar auf den Handschuhen Protektoren. Und Helme.“

Osterfrau: Da ist es kein Wunder, wenn die sich trauen, immer die Demonstranten zu provozieren.

Ostermann: Die haben Rüstungen und wir, wir dürfen uns nicht verteidigen.

Osterfrau: Wir, also das Volk darf sich nicht verteidigen. Ich dachte, jeder ist hier gleich. Wenn die sich bewaffnen dürfen, warum dürfen wir das dann nicht. Damit man sich gegen die verteidigen kann.

Ostermann: Aber die Rüstungen haben eine Schwachstelle.

Geschickt lässt er einige Sekunden vergehen, um dann zu lösen.

Ostermann: Wenn man mit einem Speer zusticht, durchstößt der die Rüstung.

(als er das erklärte, musste ganz in der Nähe jemand lachen.)

Unsere gemeinsame Reise endete an der nächsten Haltestelle. Aber wenn 2009 auf einem Ostermarsch zwei verwirrte Gestalten aus der mittlerweile doch recht überschaubaren Menschenmenge gezogen werden, weil sie wiederholt versucht haben, Polizisten aufzuspießen, werd ich an die beiden denken.

Advertisements
Explore posts in the same categories: Nicht kategorisiert

4 Kommentare - “Ostermarsch 2008 bzw. Der Arbeiter-und-U-Bahn-Fahrerstaat”


  1. […] von califax am Mittwoch, 26. März 2008 …dann ist es gut erfunden. In München laufen solche Gestalten auch haufenweise rum. Aber zur Würze gibt es die dort auch in christlich-fundamentalistisch. […]

  2. Sky Says:

    „Das Haupthaar ist schon verstorben, …“

    Solide formuliert, mein Wort hier: verglatzen. Allerdings gibts mittlerweile schon 6 Google-Treffer.


  3. […] Leid und der Jammer der Ostermarschierer in unserem Staat hat Gideon Böss in seinem Fuchsbau eine traurig-amüsante Geschichte […]


  4. […] (Teil 2) Heute wurde in Berlin kräftig für die Taliban demonstriert und wen sehe ich da? Den Kerl, der nach dem Ostermarsch mit seiner Frau in der U-Bahn saß, sich über den Kapitalismus an sich beklagte und den wahren Satz sprach: “Jetzt haben wir sechs […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: