Bildungsreform: Ein Gesamtschüler packt aus

schueler_wal_dw_ber_506410g.jpgOb jetzt Hausaufgaben etwas bringen oder nicht, finde ich nicht so wichtig (die allermeisten sind so nützlich, wie gegen eine Wand zu starren), und ob nun 12, 12 1/2 oder 13 Jahre Schulen am besten sind, weiß ich nicht. Was ich aber weiß, ist, dass ich meine 12 1/2 Schuljahre über niemals dazu ermutigt wurde, mich für Dinge zu interessieren, die nicht exakt mit dem Lehrplan zu tun haben. Wenn ich mich mit einem Thema intensiver beschäftigte, und dazu fragen hatte, wurde das eher mitleidig belächelt. Vielleicht lag das aber auch an den Lehrern, die ihrer eigenen Vorgabe folgend, auch immer nur über das einigermaßen bescheid wussten, was sie seit Jahren immer und immer wieder an die Kinder/Jugendlichen weitergeben.

Es war auf jeden Fall klar, dass es keinen nutzen hat, sich selbstständig weiterzubilden, denn um gute Noten zu schreiben, reicht es, einfach auswendig zu lernen. Dass ich mich in der Schule ziemlich gelangweilt habe, will ich jetzt zwar nicht nur meinen Lehrern anlasten, aber ich glaube, wenn bei jungen Menschen das selbstständige Denken ebenso wenig gefördert wird (bzw. dir daraus eher Nachteile entstehen), wie Neugier oder Widerspruch, läuft etwas grundsätzlich schief. So gesehen, fordern die Schulen nicht zu viel, sondern schlicht das falsche.

Es gab in meinem Jahrgang ein Mädchen, dass im Physikunterricht nach einer kritischen Rede des Lehrers, der die fehlende Bereitschaft anprangerte, sich auch mal eigenständig mit dem Thema Physik zu beschäftigen (einer der wenigen, den das störte), empört rief: „Ich würd mich ja gerne mehr mit physikalischen Phänomenen beschäftigen, aber es stehen ja so wenige auf dem Lehrplan.“ Sie hat ein Abi von 1,0 gemacht, sie gehört also zu denen, die die so genannten Eliteunis füllen sollen. Leider weiß ich als Zeitzeuge, dass sie über recht bescheidene intellektuelle Fähigkeiten verfügt, aber gut auswendig lernen kann… Denn dafür ist das stupide einhämmern von Hausaufgaben gut, dass Leute, die keine der Fähigkeiten besitzen, die man bei „Eliten“ erwartet (Neugier, Selbständigkeit,Bildung u.ä.), die freie Wahl haben, in was für einem Studienfach sie einem talentierteren Menschen den Platz wegnehmen wollen.

Im Übrigen ändert sich an der Uni gar nix. Es bleibt genauso langweilig wie davor, nur dass man jetzt anstelle eines Schülerausweises ein Studententicket hat.

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10 Kommentare - “Bildungsreform: Ein Gesamtschüler packt aus”

  1. Sky Says:

    Was wird denn studiert? Irgendwas mit „Medien…“?

  2. Gideon Böss Says:

    Nee :-)…Irgendwas mit Soziologie

  3. פץ Says:

    „Leider weiß ich als Zeitzeuge, dass sie über recht bescheidene intellektuelle Fähigkeiten verfügt“

    🙂

    Leider kein Einzelfall, sondern die Regel.

    Was die Unis angeht, so muss man der Fairness halber aber sagen, daß das bis zu einem gewissen Grad ein europäisches Problem ist.
    In amerikanisch beeinflussten Hochschulsystemen geht es meines Wissens nach sehr viel pluralistischer und kritischer zu.

  4. Sky Says:

    @Gideon:
    Soziologie ist mittlerweile seriös, die linken Meinungshengste sind wohl schon zu einem Großteil weg und die Wissenschaftlichkeit ist eingezogen.
    Ist aber schade, dass die Soziologie Dir langweilig erscheint.
    Viel Stochastik dabei vermutlich.

  5. gefaehrder Says:

    absolute zustimmung.

  6. R aus Freiburg Says:

    Und man kann sehr wohl als Soziologe diabolische Dinge verrichten:

    Nicht umsonst sitzen sie zuhauf in den Administrationen der Universitäten, in den Personalabteilungen der Unternehmen und in den Stadträten dieses Landes.

    Ich habe dafür zwar keine Beweise aber es erklärt so einiges..

  7. Michael Says:

    Ich melde mich hier von der anderen Seite zu Wort: Ich arbeite seit drei Jahren mit einer Kollegin zusammen, die auch Lehrerin ist und immer wieder das mangelnde Interesse – wie du hier schreibst – anprangert. (Sie ist Lehrerin in Österreich, vielleicht gibt es da den einen oder anderen Unterschied im Lehrplan.) Jedenfalls habe ich mich des öfteren mit ihr darüber unterhalten und muss hier schon folgende Unterscheidung machen:

    Es gibt einerseits Fächer und Lehrinhalte, die gelernt werden müssen. Das ist nun einmal Rechtschreibung (!), grundlegende Mathematik und die Fähigkeit, Dinge selbständig in den Griff zu bekommen. „Schule“ ist hier ein etwas eingeschränktes Feld, „Universität“ bietet mehr Spielraum. In der Schule lernt man, wie man eine Textanalyse durchführt, an der Uni bauen darauf verschiedenste Analyseformen auf, aus denen dann der gebildete Student auswählen kann: Er entscheidet, welche Methode er für seine Arbeit verwendet. Und damit wären wir schon beim zweiten Punkt. Die Schule ist ein Methodenlernen; das Wie steht im Vordergrund. Wie mache ich A, wie mache ich B, folglich ist es schwierig, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen, die die Methode verlangen, nicht aber die Methode selbst zum Untersuchungsgegenstand machen…

    Insofern gilt tatsächlich, dass „intelligenter“ ist, wer in der Schule auswendig lernt, denn diese Personen haben später die Methoden zur Ausarbeitung der tatsächlichen Interessen parat. Die anderen Mitschüler, die zwar Spezialinteressen verfolgt haben aber die Methoden nicht kapiert haben/kapieren wollten, stehen später an und müssen doppelt nachlernen.

  8. Sky Says:

    @Michael:
    Alles ist ein Methoden-Lernen. Lernen ist die Beschäftigung mit Methoden. [1] Das trifft immer zu, wenn ich bspw. einen IT-fachlichen Artikel lese, dann lerne oder verbessere ich eine Methode (oder auch nicht, dann hat mir der Artikel nicht zugesagt).
    Es gibt keine prinzipiellen Unterschiede zwischen Schule und Universität.

    Was Gideon hier berichtet hat deutet, auf die schulische Wichtigkeit von Faktenwissen [2] hin, die er (und ich) für nachrangig hält. Und leider scheint es im von Gideon belegten Studiengang auch nicht besser auszusehen.

    Mein Eindruck ist, dass Schule und Universität das Mittelmass fördern, das ist so pol. gewollt. So zu sagen das Abitur für alle und den Erfolg im Studium wie in einigen asiatischen Ländern (wo alle bestehen, die genügend Sitzfleisch haben).

    Unsere gesellschaftlichen Debatten sprühen also auch nicht gerade vor Esprit und Verständigkeit. Der Deutsche ist mittelmässig, die Eliten grundsätzlich peinlich. Von der allgemeinen Debattenkultur und der kommunikativen Kompetenz (Webkompetenz bspw.) der Masse ganz zu schweigen.

    [1] Das Auswendig_lernen_ von Fakten ist kein Lernen, sondern Faktenhaltung mit suboptimalem Datenträger.
    [2] Es gibt nur Faktenwissen und Methoden.

  9. Bandleader Says:

    Französisch. Latein oder Englisch kann man nicht in vorbeigehen lernen. Hier muss man wenigstens die Vokabel auswendig lernen. Irgendwelche Formeln in der Physik oder die Elemente Tafel für Chemie muss man auch auswendig lernen wenn man einigermassen die Zusammenhänge in den Naturwissenschaften selbständig analysieren möchte. Und wann soll das erfolgen? In der Unterricht? Dafür reicht die Zeit nicht. Dann muss man die Hausaufgaben machen um sich gewisse Dinger einzuprägen.
    Stelle Dir vor, dass Du AlefBet nur in der Schule in der Unterricht zum Gesicht bekommst und niemals zu Hause wiederholst. Wie lange brauchst Du um das in der Schule Gelerntes wieder zu vergessen?

    Ich glaube nicht, dass man auf die Hausaufgaben ganz verzichten kann. Und wenn ja, dann werden diejenige Schüler, die trotzdem zu Hause zusätzlich lernen und das Gelernte wiederholen relativ besser gebildet als diejenige, die keine Hausaufgaben machen. Vielleicht mit Ausnahme von Genies, die ein absolutes Gedächtnis haben und das ein mal gelesene niemals vergessen.


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