Frankfurt-Berlin, 30.Dezember 2007

images.jpegZugfahrten können sehr entspannend sein, müssen sie aber nicht. Wenn sie es nicht sind, liegt es an alleinerziehenden Vätern, deren Kinder nach der Mama schreien oder nach was anderem. Auf jeden Fall schreien sie. Irgendwann schreit der Vater dann auch, und dann schreien alle und danach schweigt der Vater verlegen, aber die Kinder schreien weiter. Alleinerziehende Mütter schreien nicht, aber sie verhalten sich dafür noch infantiler als der Nachwuchs, sprechen mit angestrengt hoher Stimme in einer Fantasie-Kindersprache, die kein Kind spricht, die niemand versteht und die alle einfach nur tierisch nervt.

Was auch die Reise beinträchtigen kann, sind eine junge Frau und eine alte Frau, die in irgendeinem Verhältnis zueinander stehen, weil sie beide die Liesel kennen (die eine als Tochter, die andere als „beste Freundin“). Und wenn die sich in dein Abteil setzen, können vier Stunden noch länger werden, als sie es eh sind. Da bereut es die dreiundzwanzigjährige sehr, „nie nach Vietnam“ gereist zu sein. Hät man wohl besser mal gemacht, als man noch jung war. Jetzt ist es zu spät. Die Ältere fand es dort „sehr schön, das war wirklich schön“, findet es aber trotzdem „schockierend“, wie schwer das Leben von Spinnen und Insekten ist. Beide finden es dafür gut, dass die Junge sich mit ihrem Freund wieder versteht. Die Alte und die Junge sind eigentlich identisch. Ihre Sprache zerfällt zu gleichen Teilen in Durchhalteparolen, („Jetzt klappt das mit dem Südamerika-Reise wieder nicht, nächstes Jahr“), Jammern und Phrasen. Das ganze ist überzogen mit Langeweile. Sehr viel Langeweile. Die Dialoge gehen alle so:

Alt: Und was macht du jetzt zuhause?
Jung: Ich werde bei meinen Eltern was essen.
Alt: Schön, das ist schön.
Jung: Ja, das ist schön. Da freu ich mich drauf.
Alt: Schön, das glaub ich. Das freut mich auch.
Jung: Ich seh sie ja nicht mehr oft.
Alt: Genau, nur noch selten.
Jung: Das letzte Mal wars im September.
Alt: Kaum zu glauben. Aber schön, dass du jetzt da bist. Da freuen sie sich.
Jung: Ich freu mich auch.
Alt: Wie schön. Du, das wird bestimmt sehr schön.

So geht das also eine ganze Bahnfahrt lang, und es wird immer schöner und schöner und irgendwann kommt dann der Berliner HBF. Da kann man aussteigen und sich verlieren, und das ist dann wirklich ein Moment reinster Schönheit.

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6 Kommentare - “Frankfurt-Berlin, 30.Dezember 2007”

  1. Klauspeter Says:

    Wenn Sie von den ganz normalen Dingen genervt sind, die Menschen so machen, dann fahren Sie bitte mit dem Auto, da sind sie dann allein.

  2. Gideon Böss Says:

    Sehr schöner Kommentar, Klauspeter, wirklich sehr schön.

  3. Robert Says:

    Dabei ist das doch ein wirklich schönes Mantra.
    Tiefe Harmonie spricht sich aus.
    Aber unser Autor scheint sowas nicht verkraften zu könnenoder wollen…
    Oder was?

    Ich find’s schön.


  4. Ich stimme Klauspeter zu!!!
    Übrigens, die Zugfahrt ist zu Endeeeeeeeee! *zisch*

  5. Steven Says:

    Unglaublich. Also die Strecke Frankfurt Berlin ist ohnehin die beste! Und diese Unterhaltungen tauchen wirklich immer auf. Aus dem Nichts! Wirklich treffend dokumentiert!

  6. Meister Petz Says:

    ICE Hamburg-München. Mutter ermahnt ihre zwei (für ihr alter sehr aufgeweckten sowie wohlerzogenen) Schrazen, beim Malen den Stift „richtig“ zu halten. dann erinnert sie beide daran, bei einem dritten (nicht anwesenden) Bruder, der offensichtlich gerade ins Alter kommt, wo man Stifte benutzt, immer aufzupassen, dass er auch von Anfang an den Stift richtig hält und ihn zu schimpfen, wenn er es „falsch“ macht.

    Meinen Hinweis, dass ich ein Universitätsstudium abgeschlossen habe, ohne jemals einen Stift „richtig“ gehalten zu haben, ignorierte sie hingegen.

    Seitdem weiß ich, dass Fahrkarten erster Klasse ihren Preis nicht aufgrund des minimal erhöhten Platzangebots oder der am Platz servierten Getränke wert sind, sondern weil einem derartiger Hirnschlamm erspart bleibt.


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