Reinhard Mey im Mohnfeld zerschellt


Wenn irgendwo ein Tante-Emma-Laden dicht macht, weil an seine Stelle ein Supermarkt tritt, der bessere Qualität, größere Auswahl und fairere Preise bietet, wird er mit Gitarre daneben stehen, und den Sieg der großen Konzerne über die ehrliche Arbeit beklagen. Er tut das immer, und zwar nicht nur mit Tante-Emma-Läden, sondern auch mit Kinos, mit Freunden, der Straßen-, sowie der Eisenbahn, dem Sommer, der Liebe und dem Teddybär und mit allem anderen, was ihm in den Sinn kommt. Früher war alles besser, lautet das Motto und mit dieser besseren Vergangenheit verdient er richtig viel Geld. Er, der singende Dalai Lama, Reinhard Mey. In seiner Welt gibt es die Guten, die immer nur das Beste wollen, selbstlos, sozial und nachsichtig sind, und es gibt die Bösen, die immer das Schlechteste im Schilde führen. Während Reinhard sich als Prototyp des Guten versteht, der höchstens mal zu viel trinkt, oder über die Nachbarin lästert, also harmlos ist, rekrutiert sich die andere Seite aus miesen Chefs, die den einfachen Menschen im Beruf ausbeuten (unschlagbar peinlich in einem Lied dargestellt, in dem ein Bär in eine Fabrik gerät), den Politikern, die alle korrupt und überhaupt ziemlich dämlich sind, und allerlei anderen Übeln der Moderne. Globalisierung und Kapitalismus beispielsweise.

Ständig prangert Reinhard den Fortschritt an. Dem Überkommenen baut er Denkmäler in Kitsch und Verklärung, während er das Neue weil es neu ist geißelt. Immer geht es darum, wie schön doch damals die Besuche im Provinzkino waren, und dass an dessen Stelle nun ein Einkaufszentrum mit Boutiquen und anderen Zumutungen getreten ist. Was daran grundsätzlich so schlimm sein soll, muss auch gar nicht weiter erklärt werden. Es ist halt so. Früher waren die Seen blauer, die Nachbarn netter, und das Brot frischer. Gut, man könnte dem nun entgegenhalten, dass die Menschen früher auch nicht achtzig, neunzig Jahre alt geworden sind, nicht mal eben in den Karibik-Urlaub fliegen konnten, und ohne die Vorzüge von Handys und Internet auskommen mussten, und man könnte darum weiterhin zum Schluss kommen, dass unsere Zeit der guten alten doch vorzuziehen ist… aber das sieht Reinhard “es gibt keine Maikäfer mehr” Mey offenbar anders.

Wer immer nostalgisch in eine Vergangenheit starrt, an der nur gut ist, dass sie vergangen ist, ist naturgemäß kein Freund der Freiheit. Wie viele andere Künstler, investiert er enorm viel Energie dahinein, die zu kritisieren, die die Freiheit der Kunst garantieren. Da geraten die USA natürlich schnell ins Fadenkreuz. Mey, der, hätten die Alliierten in der guten alten Zeit nicht die Nazis besiegt, heute von der Ordnung und der Sauberkeit trällern könnte, die im judenreinen Berlin herrscht, und vielleicht ein witziges Liedchen über die Rassengesetze im Programm hätte, bezieht entschieden Stellung gegen den amerikanischen Versuch, den islamischen Terror zu bekämpfen. Aktuell tut er dies mit einem Stück, indem die jahrzehntelang einstudierte Zweiteilung der Welt in Reinhard Mey und das Böse mal wieder die Grundlage bietet. Es geht um einen Kai, der auf einem Hilfsflug abgeschossen wird. Dieser Flug findet ganz offenbar im Rahmen des Kampfes gegen den Terror statt, und Mey singt routiniert an der Realität vorbei. Von Taliban, die Geiseln genüsslich die Kehle aufschneiden, von Frauen, die wie Tiere behandelt werden und von Terroristen, für die es das Größte ist, sich im Namen Allahs in Menschenmengen in die Luft zu sprengen, ist nicht die Rede. Nein, das Problem vom Reinhard sind doch nicht die Terroristen – die ja auch von guten alten Zeiten träumen -, sondern die, die sich ihnen in den Weg stellen. Konsequenterweise wird Meys Kai darum auch von “freundlichem Feuer” erwischt, eher er am Ende der Welt in einem “Mohnfeld zerschellt”. Und dann heißt es:

Gewalt wird neue Gewalt gebären,
Terror wird neuen Terror nähren.

Ja, so einfach ist das und außerdem interessant, dass hier jemand die Kapitulation gegenüber dem Abschaum der Menschheit fordert, der es nicht für übertrieben hält, Nachbarn, die ihren Garten mähen, als Nazis zu bezeichnen.

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4 Kommentare - “Reinhard Mey im Mohnfeld zerschellt”

  1. Hamster Says:

    „Unbewaffnet in freundlichem Feuer“

    Also von uns selbst abgeschossen, wunderschöne Metaphorik.

  2. Astuga Says:

    Also, dass er nicht bei Saddam Hussein vorgesungen hat (wie andere) sollte man ihm aber schon zu gute halten!

  3. Chewey Says:

    @ astuga

    Das lag aber vielleicht nur daran, dass Saddam mit dem Säusel-Reiner nichts anfangen konnte 😉

    @ Gideon

    Für weichgekochte Pseudomoralapostel wie Mey gibt es nur eine Bezeichnung: Erzreaktionär. Wobei Mey schon ein besonderes Kaliber ist, der hat ja die Doppelmoral quasi erfunden.


  4. […] schlecht, moderne und so. Reinhard Mey hat ja viele Fans und sollte es auch unter den Lesern dieses Blogs welche geben, können die mir […]


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