G-8, die Linke und die Gewalt

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Vom 6 – 8 Juni findet der G-8 Gipfel in Heiligendamm statt und ein Sammelsurium aus Kirchen, Gewerkschaften, Antiamerikanern, Diktatorenfreunden, Menschenrechtsfeinden und Nazis bereiten ihre Proteste dagegen vor. Dabei kommen gerade aus der linksradikalen Ecke immer wieder Drohungen, dass man Gewaltanwendung nicht ausschließen wolle. Die große Mehrheit derer, die in Heiligendamm gegen schwammiges wie Globalisierung und Kapitalismus demonstrieren (die aber konkretes, wie etwa das hunderttausendfache Morden im Sudan irrelevant finden), werden dies selbstverständlich friedlich tun. Aber auch ihnen ist das Gewaltpotential der Radikalen bewusst. Ein Sprecher der Arbeitsgruppe “Kirche und G8“ gibt zu bedenken: „In dem Moment, in dem das Reden verstummt, ist davon auszugehen, dass es Gewalt geben kann.“ Um diese zu verhindern, soll Überzeugungsarbeit geleistet werden.
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„Unsere Strategie ist es, mit den Leuten an einem Tisch zu sitzen und darüber zu reden, dass es auch ohne Gewalt geht.“ Das ist zu begrüßen, aber wenn sogar Mitorganisatoren der Proteste zugeben, die linksradikalen Spinner nicht unter Kontrolle zu haben, ist es noch unverständlicher, weshalb die aktuelle Polizeirazzia reflexartig als Kriminalisierung der Globalisierungsgegnern, als Repressionswelle oder als unverhältnismäßig verurteilt wird. Der Polizeieinsatz hatte vor allen zum Ziel, bereits verübte Anschläge aufzuklären.
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Es ging genauer um etwa 40 Anschläge im Zeitraum von 2005 bis 2007. Darunter fallen Brandanschläge auf das Auto des Finanzstaatssekretärs von Hamburg und ein Berliner Sozialgericht. Die Tatsache also, dass die Polizei eben nicht, wie es die Proteste linker Gruppen darzustellen versuchen, gegen die Globalisierungsgegner vorgingen, sondern gegen radikale, gefährliche Ränder der Gesellschaft, wird ignoriert. Die Linke reicht somit den Militanten nicht nur die Hand, nein, sie begreift sie als integrierten Teil des Protestes. Eine gefährliche Solidarität. Aber warum fühlen sich eigentlich friedliche Globalisierungsgegner kriminalisiert, wenn die Polizei gegen gewaltbereite Linke vorgeht? Dies hat zwei Gründe. Zum einen das problematische Verhältnis der Linken zur Gewalt. Es gab nie einen konsequenten Bruch mit der Idee, politische Ziele durch den Einsatz von Gewalt durchzusetzen. Aktuell kann dies an der Debatte um die RAF gesehen werden. Der zweite ist der ewige Opferkult, dem gefrönt wird. Man ist im Supermarkt dem Konsumterror ausgesetzt, in der Arbeitswelt kapitalistischen Ausbeutern und in Gestalt von McDonalds der Zerstörung der Esskultur. Gewaltbereitschaft und Opferkultur ergeben eine gefährliche Mischung, denn ein Opfer hat jedes moralische Recht sich zu wehren und auch wenn es im Einsatz der Mittel vielleicht übertreibt, so ist der Weg doch grundsätzlich richtig. Unzählige haben sich dieser Rhetorik bedient, als es darum ging, den RAF Terror zu relativieren.

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Es ist an der Zeit, dass die Linke diesen liebevoll gepflegten und gehätschelten Minderwertigkeitskomplex (der Grundlage des Opferkultes ist) aufgibt und ihre Interessen aufrecht vertritt. Dazu gehört als erstes die eindeutige Distanzierung von allen, die den Einsatz von Gewalt nicht ablehnen. Aktuell sieht es aber so aus, als ob diese Partnerschaft weiter aufrechterhalten wird. Warum fällt es attac so schwer, sich von solchen Spinnern abzugrenzen? Und warum wundert es attac nicht, dass die attac-Büros nicht durchsucht wurden? Könnte das ein Indiz dafür sein, dass friedliche Globalisierungsgegner gar nicht das Ziel dieser „Repressionswelle“ waren? Gerade ein Zentralgestirn der Globalisierungs- und (nennen wir es mal neutral) USA-Kritik wie attac, sollte sich darüber im Klaren sein, wie viele dubiose Figuren und Gruppen sich im Dunstkreis der Proteste tummeln. Ein entschiedenes Zurückweisen falscher Freunde wäre dabei wichtig. Bisher ist dies nur gegenüber den Nazis zu beobachten.

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Wie schnell G-8 Gegner den Einsatz von Gewalt als legitim befürworten, macht ein Interview mit dem Hip-Hop Musiker Jan Delay deutlich. Seine Antworten sind das Ergebnis eines schlichten Weltbildes: Der Westen ist Böse! So argumentieren eben denkfaule Leute, die sich fatalerweise ein politisches Engagement nicht verkneifen können und dann natürlich von primitiven Welterklärungen angezogen werden. Früher war es das Privileg der Kirchen, solche schlichten Gemüter an sich zu binden. Heute ist der Markt umkämpfter.
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Delay kennt das Evangelium der Globalisierungskritiker auswendig, was nicht schwer ist, weil es aus zwei Sätzen besteht: „Ich finde es grundsätzlich Scheiße, dass die Herrscher der acht reichsten Nationen festlegen, wie die Welt auszusehen hat. Wobei diese Nationen auch nur deswegen so bedeutsam sind, weil sie alle anderen ausbeuten.“ Es will zwischen Merkel und Bush keinen Unterschied machen, weil beide „Lakaien“ sind und der Irakkrieg wurde natürlich aus wirtschaftlichen Interessen geführt, „darüber müssen wir nicht ernsthaft diskutieren, oder?“ Delay hat außerdem feste Prinzipien. So würde er zwar zu Wetten dass…? gehen, „wenn ich da sagen könnte, was ich wollte“, und er ist sogar mal bei Nur die Liebe zählt gewesen, aber bei NeunLive wäre Schluss!
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Dieser Globalisierungs- und NeunLive-kritische Künstler hat natürlich auch seine Meinung zur RAF und Christian Klar. So kann er sich gut vorstellen, dass die Kids in Zukunft „Baader-Meinhof-Shirts statt Che-Guevara-Shirts tragen werden.“ Wobei dies aber „auf keinen Fall“ wünschenswert ist. Besser wäre es nämlich, wenn sich die Kids „mit den Gedanken dieser Leute auseinandersetzen und daraus ihre Lehren ziehen würden. Sonst wäre das ein Ausverkauf wichtiger Ideen.“
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Und jetzt geht es Schlag auf Schlag. Zuerst wird noch die obligatorische Verschwörungstheorie eingebaut – die offenbar im linken Weltbild nicht fehlen darf – und bei der es sich in Delays Fall um die dritte RAF-Generation handelt. „Die dritte RAF-Generation ist eine Erfindung. Alfred Herrhausen zum Beispiel: Wieso hätten die RAF-Leute jemanden töten sollen, der sich als erster Bankchef für die Entschuldung der Drittweltstaaten stark gemacht hat? An den Tatorten wurden im Gegensatz zu früher keine Fingerabdrücke der RAF-Leute gefunden. Der war anderen Leuten ein Dorn im Auge.“ Die RAF als eine Mischung aus Robin Hood und der Heilsarmee zu sehen, ist gewöhnungsbedürftig, aber wenn man erst mal soweit ist, kann man endlich auch guten Gewissens Gewalt befürworten. Das Abfackeln von Autos ist solange legitim, „solange keine Menschen zu Schaden kommen, sondern nur Symbole.“ Nun müsste man gerade als RAF-Fan eigentlich wissen, wie schnell auch Personen zu Symbolen werden, aber anstatt darüber nachzudenken, folgt eine weitere Begründung, warum das Zerstören fremden Eigentums gerechtfertigt ist. „Vielleicht gibt es keinen anderen Weg, um das [Anm. die Anliegen der Extremisten] in die Medien zu bringen“, philosophiert Delay. Da hat er Recht, und es kann auch (wieder) die Zeit kommen, in der es keinen anderen Weg gibt, die eigenen Anliegen in die Medien zu bringen, als dafür Menschen zu entführen oder zu ermorden. Der konsequente Abschluss des Interviews liest sich übrigens so:

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Frage: Und Innenpolitiker beginnen wieder mit der Hatz nach linksradikalen Terroristen.

Antwort: Das ist doch gut. Dann haben die Kids wieder Idole.
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11 Kommentare - “G-8, die Linke und die Gewalt”

  1. Pfalzhaus Says:

    Bei der Frage: „warum fühlen sich eigentlich friedliche Globalisierungsgegner kriminalisiert, wenn die Polizei gegen gewaltbereite Linke vorgeht?“ gibst du zwei Antworten. Die Opferkult-Theorie keuchtet mir tatsächlich auch ein. Aber das andere Argument eher weniger.

    Du schreibst: „Es gab nie einen konsequenten Bruch mit der Idee, politische Ziele durch den Einsatz von Gewalt durchzusetzen.“

    Bist du sicher, dass du das Recht hast, diesen Punkt zu kritisieren? Wie setzt ihr Konservativen denn eure politischen Ziele durch? Die sogenannten heutigen „Globalisierungsgegner“ scheinen – wie du ja selbst sagst – die IDEE der EVENTUELLEN Gewaltanwendung auch nach der Erfahrung mit den kontraproduktiven RAF-Morden nicht über Bord geworfen zu haben.

    Deine Freunde aus Übersee aber schrecken nicht davor zurück, tatsächlich auch Gewalt ANZUWENDEN, nur um die eigene Ideologie durchzusetzen. Die zahlreichen Beispiele hierfür sind ja bekannt.

  2. mitglied der franz werfel-jugend Says:

    @pfalzhaus

    Du wirfst da vieles zusammen. Die Frage ist doch die, ob jemand auf dem Boden der liberalen Demokratie steht oder nicht. Wer liberaler Demokrat ist, kommt nicht auf die Idee, mit Gewalt/Terror Ziele zu verfolgen. Wer dies doch tut, ist ein Feind dieser Demokratie und will sie „überwinden“. Dabei kann es sich um Linke ebenso handeln, wie um Nazis, Rechte oder Islamisten.

    Und was deinen Verweis auf die Konservativen angeht, muss man Fragen: Wie setzen diese denn ihre Ziele durch? Mit Gewalt? Hat die CDU damit gedroht, gewaltsam zu reagieren, wenn Christian Klar freigelassen wird? Haben Konservative je einen Anschlag durchgeführt, als nach und nach das traditionelle Familienbild abgerissen wurde? Nein. Aber wenn sie es tun würden, wäre es genauso zu kritisieren, wie die Gewalt von Linken. Dein Vorwurf zeigt darum nur, wie eingeschränkt du in deinem Denken bist. Jeder, dem die Offenen Gesellschaft wichtig ist, muss darauf achten, dass ihre Feinde sie nicht zerstören. In diesme aktuellen Fall geht es nun Mal um Feinde aus dem linken Lager.

    Und was die Übersee-Freunde angeht, die du hier nennst, ist das Thema doch etwas komplexer. Willst du ein Terrorregime (wie jenes von Saddam Hussein) wirklich mit der Gewalt vergleichen, mit der die RAF unsere Demokratie zerschlagen wollte? Ein lächerlicher und – in Anbetracht der Opfer Saddams – auch menschenverachtender Vergleich.

    Eine offenen Gesellschaft garantiert jedem Freiheiten und Rechte. Die Frage ist nun, wie man dem großen Teil der Menschheit der in Unfreiheit leben muss und nicht in den Genuss dieser Rechte kommt, in den Zustand bringen kann, dass sie frei leben und über ihr Leben frei bestimmen können. Darüber muss man nachdenken.

    Die einen sagen, dass die Verbrecher gewaltsam gestürzt werden sollen, die die Menschen unterdrücken. Dass ist eine Option. Auf diese Weise wurden auch in Europa die Unrechtssysteme zerstört. Von daher ist diese „neokonservative“ Idee auch gar nicht so neu, sondern stützt sich auf eine lange Tradition des Tyrannensturzes und der Befreiung durch Revolutionen.

  3. Hamster Says:

    „Deine Freunde aus Übersee aber schrecken nicht davor zurück, tatsächlich auch Gewalt ANZUWENDEN, nur um die eigene Ideologie durchzusetzen. Die zahlreichen Beispiele hierfür sind ja bekannt.“

    Welche Ideologien haben Demokratien? Du meinst wohl eher Doktrin, vermutlich haben die USA sogar eine. 😉

    Tja, also unsere Freunde in den Staaten üben staatliche Gewalt aus, das macht Deutschland ja auch in abgeschwächter Form. Da kann man einzelne Massnahmen kritisieren, das ist OK, das ist demokratisch.

    Bzgl. der privaten Anwendung von Gewalt (bzw. von „institutionalisierter“ Anwendung derselben durch Gruppen wie attac und Konsorten) besteht unter (echten 😉 Demokraten allerdings eine gewisse Einigkeit darin, diese abzulehnen.

    PS: Nur eine Kleinigkeit, aber bearbeite möglichst alles, was getrennt voneinader bearbeitet werden kann, getrennt!

    PPS: Solange es business ist und nothing personal. 😉

  4. George Says:

    Hier Autos anzünden weil „der Bush“ im Irak zündelt….

    Welch visionär kühner Gedankengang..

  5. Anonymous Says:

    Was die Nähe der (ehemals) Linken zu den heute Rechtsradikalen angeht, hat der verbohrte Führer der rechtsradikalen Wählergemeinschft „Berlin soll leben“ gesagt, die Ideale der linken 68er seien heute bei den Nationalen zu finden! Broder und Du habt also auch hier recht! Pack schlägt sich, Pack verträgt sich
    Gruß, Knut

  6. Gideon Böss Says:

    @anonym
    rechtsradikalen Wählergemeinschft „Berlin soll leben“

    Welche Wählergemeinschaft meinst du denn? Haben die ne Homepage?

  7. Anonymous Says:

    Hallo Gideon, tut mir leid, ich meinte natürlich die blödsinnige Vereinigung „Bremen muß leben“ des fragwürdigen Herrn Siegerist. Weiteres findest Du bei Wikipedia. Gruß, Knut

  8. Gideon Böss Says:

    @ Knut

    Danke.

  9. Anonymous Says:

    Dank eurer blogs gibt es immer mehr Zusammenschlüsse von rechts und links, usw. Ist dies euer Ziel?

  10. Gideon Böss Says:

    @ anonym

    Drück dich mal so aus, dass man dich auch versteht.

  11. Hamster Says:

    „Dank eurer blogs gibt es immer mehr Zusammenschlüsse von rechts und links, usw. Ist dies euer Ziel?“

    Gideon arbeitet tatsächlich erfolgreich daran politisch Radikale auch öffentlich als Radikale (und ggf. Gefährder) erscheinen zu lassen. Da verschwimmen schon mal die (eigentlich ohnehin ein wenig willkürlichen) Grenzen von „Links“ und „Rechts“. Oder anders formuliert: Es wird deutlicher, mit wem man es zu tun hat.


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