Mein erster 1. Mai im Knast


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(Heute vor zwei Jahren demonstrierte ich mit zwei Freunden in Frankenthal/Pfalz gegen einen Naziaufmarsch. Hier der Text, den ich damals geschrieben hatte.)
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Aufgrund einer kurzen Nacht übermüdet, kämpfe ich mich an diesem Sonntag dennoch mühsam und viel zu früh aus dem Bett. Es ist 1. Mai und in Frankenthal will heute die NPD marschieren. Gemeinsam mit zwei Freunden folge ich dem Aufruf, dies zu verhindern. Im Zug nach Frankenthal sitzen mir drei der Typen, denen ich das vorzeitige Ende meiner Nachtruhe zu verdanken habe, parallel gegenüber. Sie unterhalten sich so gut es eben mit einem Wortschatz geht, der so eingeschränkt wirkt, als wäre dessen Inhalt als Kriegsbeute nach Russland verschwunden.

Sich dieses Verlustes wohl bewusst, vermeidet man komplizierte Diskussionen und findet schnell einen gemeinsamen Humor. „Taubensaft hat der gesagt, wollen sie einen Taubensaft!“. Als der Zug im Zielbahnhof einfährt, stehen wir vier nebeneinander an der Tür und kaum öffnet sich diese, blicke ich in die erste Polizei-Dicicam. Der Beamte schießt ein Foto und ich sehe es schon eingerahmt in der Stammkneipe der Kameradschaft Mainz hängen. Bildunterschrift: Vier stramme Germanen.

Auf dem Weg auf die andere Seite des Bahnhofs bin ich umgeben von Nazis und werde darum den Verdacht nicht los, gerade die Dienste eines Sonderzuges in Anspruch genommen zu haben. In der Unterführung wagen es streng national lebende Dichter, aus ihren Werken zu rezitieren. Unter anderem wird das Gedicht “AntifaHaHaHa“ verlesen, dessen Titel den Inhalt desselben schon vorweg nimmt und prinzipiell eine Personalunion mit diesem darstellt. Ein anderer fordert die Ausweisung aller Ausländer, der dritte Arbeitsplätze für Deutsche.

Mittlerweile wieder überirdisch wandelnd, warte ich am Gleis 1 die Einfahrt meiner Mitstreiter ab. Die Türen öffnen sich und ein gemischtes Publikum entsteigt. Viele bunte Kleider, und dazwischen einige Nazis, offensichtlich keine Sonderfahrt. Wir drei (H., D., und ich) beginnen nun die Stadt zu erkunden. Auf dem Marktplatz stehen viele Vertreter von Parteien und Gewerkschaften herum, sie müssen hart um die bescheidene Zahl Frankenthaler kämpfen, die sich an diesem Sonntagvormittag hier einfindet.

Unsere Besichtigungstour geht weiter. Es werden bizarren Denkmäler begutachtet, bei denen es sich um ausgehungerte Esel und Ziegen handelt, die mit ihrer lebensfrohen Aura das Stadtbild prägen. Wir treffen eine Freundin, deren Namen ich vergessen habe und hören zum ersten Mal an diesem Tag den Polizeihubschrauber, der uns im weiteren Verlauf ein treuer Begleiter werden soll. In der Einkaufsstraße steht das Frankenthaler Wappentier. Es ist ein aus Eisenstangen geformter Pfau, der arrogant gen Innenstadt blickt. Diesem Vorbild folgend wendet auch der Großteil der Bürger den Kopf vom Bahnhof ab: Was man nicht sieht, gibt es nicht. Es ist ein Ignorieren mit gutem Gewissen, denn für den Ureinwohner ist das jährlich stattfindende Strohhutfest das Höchstmass an Zivilcourage das er aushält und da werden ja schließlich auch Weine aus allen Herren Ländern getrunken und das ist doch wohl Statement genug gegen Faschismus. Prost.

Mittlerweile erinnert die Kirchturmuhr daran, dass es nun 11.00 Uhr ist und die Demonstration offiziell beginnt. Dem aufgeregt hin und her kreisenden Hubschrauber folgend, nähern wir uns einer Polizeispeere. Sie wird von zwei Dutzenden Linken belagert, während sieben Beamte versuchen sie zu halten. Unbeeindruckt von diesem Schauspiel entschließen wir uns einfach auf dem Bürgersteig daran vorbei zu laufen. Sofort kommt einer der glorreichen Sieben auf uns zu und versperrt den Weg. Die hierdurch entstehende Lücke in der Polizeikette ausnutzend, stürmen die lauernden Gegendemonstranten los. Allen gelingt es das Hindernis zu überwinden. Es versteht sich von selbst, dass auch wir, immerhin für den Durchbruch verantwortlich, uns zur Flucht nach vorne entscheiden. Beflügelt von diesem Triumph wird auch gleich ein weiterer Mannschaftsbus überrannt. Von diesem Ringen mit der Staatsgewalt ermüdet, finden wir uns schließlich unter einer Linde und im Kreise getreuer Genossen ein.

Vielen haben sich an dieser Stelle schon auf der Straße zusammengesetzt, Arme ineinander verhakt und harrend darauf was da noch kommen mag. Durch diese Straße soll die Demonstration führen. Von der anarchistischen Grundstimmung angesteckt, schleudern H. und ich unsere Personalausweise – Symbole des verhassten Systems – theatralisch auf den Asphalt. Bei diesem Anblick leuchten die Augen einiger kommunistischer Kämpfer zufrieden auf. Sie versorgen uns in der Gewissheit einem sozialistischen Musterstaat wieder zwei Mitglieder näher zu sein, großzügig mit Aufklebern. Motiv: Eine Faust die den Reichsadler der Nazis zerschlägt, um sich im selben Schwung auch gleich den Adler der Bundesrepublik Deutschland vorzunehmen. Na ja… gut, dass ist eine politische Aussage, aber, wie gesagt, na ja…

Um unsere marxistischen Freunde nicht zu kränken, verstellt ihnen D. die Sicht, als wir unsere Ausweise wieder aufheben und in den Geldbeutel zurückstecken. 10 Minuten später heißt es eine Entscheidung zu treffen. Wer hier sitzen bleibt, wird dies bis zum Ende der Demo tun müssen, denn über Handy wird mitgeteilt, dass die Polizei alle Straßen abgesperrt hat. Wer aber weiterhin versuchen will, die Demo zu verhindern, sollte sich schleunigst auf die Suche nach Schlupflöchern machen. Die hier Anwesenden können sich aber schon jetzt zugute halten, dass wegen des Sitzstreiks die Route des Nazimarsches geändert werden musste. Wir machen uns also auf die Suche nach der entscheidenden Lücke und dieses Vorhaben erweißt sich als ziemlich kompliziertes Unterfangen. Am Ende jeder noch so versteckten Nebenstraße sind Polizisten aufmarschiert und der Hubschrauber am Himmel verpetzt uns durchgehend. Mittlerweile hat sich unsere kleine Gruppe noch mehr reduziert und aufgespaltet.

Einige sind festgenommen worden und andere haben einfach keine Lust mehr und setzen sich irgendwo in den Schatten. Nur unserem Trupp steht bei der Wahl der Fluchtwege das Glück zur Seite. Über das Gelände eines Wohnparks geht es im Laufschritt durch ein kleines Wäldchen und auf eine Brücke. Wir wissen, dass wir richtig sind, denn wir hören auf der anderen Straßenseite, von den Eisenbahngleisen und Bäume getrennt, die NPDler marschieren. Außerdem ist uns klar, dass wir die einzigen sind, denen es gelang, die Polizeiabsperrungen zu überwinden, denn mittlerweile kann das Verhalten des Hubschrauberpiloten nur noch als aufdringliches Stalking beschrieben werden.



Nun, da wir auf der Brücke stehen, bemerkten wir aber auch die Schattenseiten dieses Erfolges. Zum einen erscheint es mit einer Mannschaftsstärke, die die von Jesus Jüngern nur unwesentlich übertrifft, wenig Erfolg versprechend, eine Sitzblockade durchzuführen und zum anderen sind wir nicht die einzigen, die diese Brücke für ein interessantes Objekt halten. Genauer gesagt sind wir noch nicht Mal die ersten die auf diese Idee kamen, denn die Polizei wacht eifersüchtig darüber, hier das alleinige Aufenthaltsmonopol zu besitzen. Noch genauer gesagt stürmen die Uniformierten plötzlich los und wir einigen uns auf den Kompromiss, die Brücke rennender weise zu verlassen.

Beim Blick um mich herum stelle ich eine körperliche Langsamkeit bei einigen Genossen fest, danke meinen Eltern für eine Kindheit im Leichtathletik Verein und bin erleichtert. Doch all meine Überlegungen finden ihr Ende schon an der nächsten Straßenecke, aufgehetzt vom Hubschrauber haben sich dort ebenfalls Polizisten aufgestellt. Sie fordern uns auf, uns an den Gartenzaun zu stellen. Wir verweigern die Kooperation, indem wir uns nervenaufreibend langsam an den befohlenen Ort begeben. Der Rest ist schnell erzählt. Wir stehen nun an diesem Gartenzaun: 14 Antifaschisten, mindestens drei dutzend Polizisten und eine Frau, die misstrauisch das Spektakel an ihrer Grundstücksgrenze beobachtet. Nachdem sie von einem Mitgefangenen gefragt wird, ob sie uns etwas Leitungswasser zu trinken bringen kann, lässt sie verängstigt den Rollladen herunter. Die Sonne strahlt und sendet uns das schönste Maiwetter.

D., H. und ich nutzen die aufgezwungene Kreativpause zum Austausch der besten Polizeianekdoten. Kein Grünhemd lacht, sicherlich würden wir drei nie den Kabarettpreis der Polizeigewerkschaft “Das schmunzelnde Formblatt“ gewinnen. Nach einer halben Stunde biegt die Nazi-Demonstration in unsere Straße ein. Und sofort wird klar, dass die NPD nicht nur gegen die Realität, die Demokratie und die Menschenrechte kämpft, sondern einem sehr viel heimtückischeren Gegner gegenübersteht: Übergewicht. Korpulenz ist zwar noch lange kein Grund Rechtsradikal zu werden, aber wenn diese beiden Eigenschaften dennoch zusammentreffen, ergibt das eine katastrophale Mischung. Denn, wie soll der Widerspruch ausgehalten werden, einerseits dem Dritten Reich nachzutrauern, aber andererseits zu wissen, dass einem im Fall der Fälle noch nicht mal die XXL-Uniform von Hermann Göring passen würde? Es handelt sich dann nur um einen nachvollziehbaren Selbstschutz, wenn sich die Psyche solcherart betroffener wehrt, indem sie dankbar die Lebenslüge einer wie auch immer gearteten Überlegenheit übernimmt.

Nachdem die Nazis an uns vorüber marschiert sind, bringen uns grün-weiß lackierte Mitfahrgelegenheiten zum Polizeirevier Frankenthal. Dort warten Provinz-Beamte schon sehnsüchtig auf unser kommen, denn ihnen ist klar, dass unsere Anwesenheit auch einen Höhepunkt ihrer Karriere darstellen wird. Zur Steigerung der Motivation stellten sie sich darum vor, es nicht mit ein Dutzend zumeist minderjährigen Antifaschisten zu tun zu haben, sondern mit der Führungsriege der italienischen Mafia, den osteuropäischen Menschenhändlern und mit Drogenbaronen aus Kolumbien. Die alle wurden hierher verlegt, nach Frankenthal – bei dieser Vorstellung müssen selbst die kampferprobten und bierbauchbehängten Mitglieder dieser Eliteeinheit lachen.

Dann rollen die Panzertürbeschwerten Busse ein – der Ernstfall ist da. Zum fünften Mal wird überprüft, ob die Bücher in meinem Rucksack nun endlich eine Bombe gezeugt haben. Schwerkriminelle organisieren sich ja oft auf die unglaublichste Art und Weise Waffe. Nach einem Fotoshooting werden noch die Schnürsenken aus den Schuhen entfernt. Wegen der Selbstmordgefahr, sehr aufmerksam. Nun führte uns der Weg in einen Gefängnisbus und dort in Einzelzellen, die kaum die Größe eines Dixi-Klos aufweißen, dafür aber auf dessen Vorzüge verzichten. (Ein Umstand der in den nun folgenden fünf Stunden immer dringlicher bedauert wird).

Da während der Einzelhaft nicht viel passiert, außer dass die Sonne sich langsam über das Firmament bewegt, während man sich darauf konzentriert, nicht bei jeder Bewegung irgendwo anzustoßen, war ich nun wirklich froh, über die präventiven Sicherheitsvorkehrungen der Polizei. Ebenso nachvollziehbar erschien es, uns zu verbieten, die Zwangspause durch das Lesen eines Buches etwas erträglicher zu gestalten. Wo kommen wir denn da hin, wenn Verbrecher, die gegen Nazis demonstrieren in Einzelhaft auch noch Forderungen stellen. Und hat nicht auch der Kanzler gewarnt: Keine Toleranz den Gegnern der Intoleranz?

Um kurz nach 17.30 werden wir dann freigelassen, nehmen unsere Uhren, Handys, Rucksäcke und Geldbeutel in Empfang, setzten uns auf die Treppen vor dem Revier, fädeln dort unsere Suizidschnürsenkel ein, sagen den eigentlich geplanten Kinobesuch ab und gehen in dem guten Gefühl nachhause, vom Staat unterstützt zu werden, wenn wir für eine demokratische Gesellschaft auf die Straße gehen. Und wenn uns jetzt noch Otto Schily bei der Bearbeitung der zu verfassenden Beschwerden, Untätigkeitsklagen, und Anträge auf Löschung der Bilder hilft, ist sowieso wieder alles in Ordnung. Die Anfrage an ihn ist schon versendet.
Frankenthal, Mai 2005

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4 Kommentare - “Mein erster 1. Mai im Knast”

  1. Haiko Hörnig Says:

    Remember, remember den 1. Mai 2005. Die Demo und den Knast – es gibt keinen Grund die Mai-Gefangenschaft je zu vergessen!

  2. Hamster Says:

    Wie funky muss man sein als Demokrat an einem Demonstrationswirrwarr teilzunehmen, das eigentlich nur für Rechte und Linke gedacht ist?

  3. gekaaaaaa Says:

    Tatsache ist, coole Typen können überall auftauchen – auch an uncoolen Orten.

  4. ex-blonde Says:

    wow, na so was, spannend! Und textlich wieder ein echter Böss, super.


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