Geschichte eines Lebens

Ich habe gerade die Autobiografie von Aharon Appelfeld, „Geschichte eines Lebens“, gelesen. Es ist ein sehr bewegendes Buch. Die Sprache ist frei von Pathos und Sentimentalität und gerade deswegen schmerzhaft genau. Während die meisten Autoren bombastische Metaphern benutzen, um wichtige Aussagen zu unterstreichen – die dann zumeist im Schatten eben dieser Metaphern versinken – verzichtet Appelfeld darauf völlig. Er schreibt über seine Mutter:

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Nachts reibt er [Anm. der Vater] meine Hände und Füße und steckt sie in sein Mantelfutter, und für einen Augenblick meine ich, dass nicht nur Vater bei mir ist, sondern auch Mutter, die ich so geliebt habe.

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Was ist dem noch hinzuzufügen? Jeder Versuch, diese Liebe mit einem Vergleich erklären zu wollen, würde sie relativieren. Appelfelds Familie wurde von den Deutschen und ihren Helfern ermordet, er selber lebte jahrelang in den Wäldern, arbeitete mehrmals bei Bauern und gelangte schließlich mit einem Flüchtlingsschiff nach Israel. Er beschreibt nicht, was für ihn der Tod der Familie bedeutete und gerade das macht die Geschichte eines Lebens so eindrucksvoll. Was wären denn auch die richtigen Worte, um diesen Verlust zu beschreiben? Die Sprache ist dazu nicht in der Lage, darum beschreibt der Autor nur das erklärbare. Die kurze Kindheit, die Wälder, die Erinnerungen an die Mutter, Gespräche mit dem Vater, besuche bei den Großeltern. Es sind liebevolle Erinnerungen an ermordete Menschen aus einer vernichteten Welt. Danach folgen Beschreibungen der Flucht, des Überlebens, der Angst und seltener Glücksmomente. Gerade dadurch, dass Appelfeld an den richtigen Stelle eben nicht wortgewaltig auftritt, sondern schweigt und auslässt, wird – so bildet man sich ein – ein wenig nachvollziehbar, was ihn bewegte und bewegt.

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In Israel angekommen, sah er sich mit einem Dilemma konfrontiert, welches er mit vielen Juden teilte. Was tun mit der Sprache der Täter, die doch auch die Sprache der Eltern war? Für viele schien es nicht ohne weiteres möglich zu sein, dass Deutsche aufzugeben, denn dies hätte zugleich die Aufgabe der eigenen Identität bedeutet. Appelfeld schreibt, dass das Deutsche für ihn so etwas wie die Verbindung zu seiner Mutter darstellte. Um seinen Großeltern näher zu kommen und der Welt in der sie lebten, lernte er darüber hinaus auch noch Jiddisch.

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Daneben gab es ein weiteres Problem. Viele (osteuropäische) Juden wurden durch den Holocaust von ihren Familiengeschichten abgetrennt. Oft hatten die Deutschen die gesamte Verwandtschaft ermordet und auch unter den wenigen Überlebenden wollte kaum jemand über die Vergangenheit sprechen. Wer bei Kriegsausbruch noch ein Kind war, hatte also nicht die Zeit gehabt seine Heimat kennen zu lernen und als man alt genug war, gab es diese Heimat nicht mehr. Appelfeld erwähnt in diesem Zusammenhang das Gespräch mit einem jungen Mann, in dessen Verlauf sich herausstellte, dass dieser nicht wusste, dass sein Großvater ein angesehener Rabbiner gewesen war. Der Vater des Manns hatte ihm nie etwas über seine Vorfahren erzählt.

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Imre Kertesz sagte über dieses Buch: Aharon Appelfeld ist ein wichtiger Zeuge des vergangenen Jahrhunderts. Er lebt in Israel, zählt jedoch zu den großen jüdischen Erzählern Osteuropas.

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