Die EU hat Geburtstag

SpiegelOnline hat siebenundzwanzig Prominente Europäer zu Wort kommen lassen (in der Bildergallerie), die ihre Gedanken und Eindrücke über den Zustand der EU, die Zukunftsperspektiven, Fehler und Chancen mitteilen sollten. Die meisten Aussagen ähnelten sich in ihrer Begeisterung für fünfzig Jahre Frieden und der Hoffnung, dass diese Erfolgsgeschichte so fortgeschrieben wird.

Solche Deutungen sind es, die der ebenfalls befragte ungarischen Historiker Krisztian Ungvary als „Deutungshoheit“ westlicher Intellektueller bezeichnet, die zu wenig Sensibilität für die Opfer des Kommunismus zeigen würden. Denn in der Tat ist es für einen Polen oder Tschechen schwer einsehbar, wo denn die jahrzehntelange europäische Friedensphase gewesen sein soll, als sie Unterdrückt und ihrer Freiheitsrechte beraubt waren. Ungvary kommt zum Ergebnis: „Die Versuche, eine europäische Erinnerung zu schaffen, ohne die Interessen der Osteuropäer zu berücksichtigen, empfinde ich als geistige Kolonisation.“

Liza Marklund, eine schwedische Schriftstellerin, hängt ganz anderen Gedanken nach. Sie sähe den Irak gerne als EU-Mitglied. Ein weiterer Vorschlag aus dem Norden kommt von Jukka Kuoppamäki, der sein Geld als Schlagersänger verdient. Er ist für das „alte Europa im positiven Sinn“, in dem er ein „Gegengewicht zur anglo-amerikanischen Kultur“ sieht. Kuoppamäkis EU-Vision reduziert sich – wenn sie aller Phrasen entkleidet ist – darauf, dass die Europäer und insbesondere die Finnen, bitte schön seine Schnulzen kaufen sollen und nicht die von amerikanischen Konkurrenten.

Die rumänische Komponistin Adriana Hölszky weißt auf eine Tatsache hin, die nicht oft genug betont werden kann: „Die Menschen dürfen nicht nur etwas von den europäischen Politikern und Vertragswerken erwarten, sondern jeder für sich muss auch mithelfen, dass Europa eine Erfolgsstory wird.“ Und Steve Roman, Chefredakteur der „The Baltic Times“ findet: „Für die osteuropäischen Staaten war der Anschluss an das Bündnis europäischer Demokratien eine Chance, endgültig dem Einfluss Moskaus den Rücken zu kehren.“ Womit er eine der größten Leistungen der EU anspricht. Die Unabhängigkeit von Russland, die den Ländern des einstigen Ostblocks die Freiheit brachte, hätte ohne die EU nicht auf diese konfliktfreie Weise stattfinden können.

Was jedoch bei aller Begeisterung für die Erfolgsgeschichte EU negativ auffällt, ist der fehlende positive Bezug auf die Rolle, die die USA dabei spielten und spielen. Ohne die USA gäbe es heute keine EU sondern Planwirtschaft in Frankreich und Mauertote in Spanien, weil die Flucht über das Mittelmeer die Chance bieten würde, dem europäischen Gefängnis zu entkommen. Vaclav Havel äußerte als einziger Befragter deutliche Kritik: „Soll die EU die USA in der Wirtschaft einholen und überholen? Möge sie es tun, aber möge sie vor allem die Vereinigten Staaten in der Kritik autoritärer Regime einholen und überholen, welche über den ganzen Erdball verstreut sind und in unglaublicher Art und Weise menschliche Freiheiten unterdrücken.“

PS: Joseff Joffe schrieb in der ZEIT einen euphorischen Geburtstagsgruß an die EU.

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4 Kommentare - “Die EU hat Geburtstag”

  1. Astuga Says:

    Der „Frieden“ (eigentlich war ja Kalter Krieg, der mitunter recht heiß war) in Europa und den westeuropäischen Wohlstandsvorsprung verdanken wir wohl eher dem Marshall Plan und der Nato.
    Die EU konnte ja nichtmal die Balkankriege in ihrem geopolitischen Hinterhof verhindern.
    Und militärisch lief ohne die Kapazitäten der USA auch nichts.

    SO hat die EU sicher ihren positiven Anteil am heutigen Europa – aber eben einen jenseits von idealisierender Geschichtsklitterung.

  2. Sind ja NUR echte Namen hier Says:

    Solange du den anderen sein Anderssein nicht verzeihen kannst, bist du noch weit ab vom Wege zu Weisheit.

  3. Gideon Böss Says:

    Äh, ist das jetzt eine Glückskeksweisheit, die du einfach mal loswerden musstest oder ist das an mich gerichtet? Wenn ja, verstehe ich es nicht…

  4. Grigori Pantijelew Says:

    Adriana Hölszki (*1953) wurde tatsächlich in Rumänien geboren, sie ist aber seit 1976 in Deutschland und wird nie anders als eine deutsche Komponistin behandelt. Siehe z.B.: http://www.zeitgenoessische-oper.de/Tragoedia/Hoelszky.html
    Gruß


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