Es muss nicht immer Peymann sein – Vollmer über die RAF


.
Anfang März gab Antje Vollmer der Berliner Zeitung ein Interview zum Thema RAF. Man weiß gar nicht mehr, welche Zeitung eigentlich noch frei ist, von Terroristenverstehern, RAF-Jobvermittlern und alt gewordener 68ern, die nun in einer Mischung aus Sentimentalität und Verdrängung drauf und dran sind, die Terroristen von damals zu Globalisierungskritikern zu verklären, die halt nur etwas emotionaler waren, als der gemeine deutsche Kleinbürger.
Antje Vollmer wollte dem an höchsten subventionierten Kapitalismuskritiker Deutschlands, Claus Peymann, das Feld nicht alleine überlassen.

Denn auch sie hat einige interessante Thesen rund um schwarze Rächer, den deutschen Herbst und Bild-Kampagnen auf Lager. Aber zuerst einmal redet sie sich mit einer Standartlüge warm, die von vielen Linken geteilt wird und längst in den Rang einer de facto Wahrheit aufgestiegen ist. Die Mär der Haftverlängerung für Christian Klar, aus Rachsucht! Klingt schön, stimmt aber auch dann nicht, wenn eine Abaya-Trägerin es behauptet: “Heute geht es darum, Christian Klar länger im Gefängnis zu halten oder erst dann freizulassen, wenn er seinen Entschuldigungsbrief über die Bild-Zeitung vermarktet.” Falsch, Klar wird nicht länger im Gefängnis sitzen, als es der Richterspruch vorsieht. Er wird aber auch nicht, und das kritisieren Vollmer und Peymann in Wahrheit, früher entlassen! Und das Schreckgespenst Bild-Zeitung dürfte wohl zu den letzten Urüberzeugungen der Grünen gehören, von denen sie sich bisher nicht haben lösen können. Mindestens den Pazifismus hat sie schon überlebt.

Zu den RAF-Terroristen fällt Vollmer, ganz Theologin, ein: “Auch die waren nicht als Mörder geboren.” Und das Gespräch, das Gaus 2001 mit Christian Klar führte, war auch ein Fehler. Warum: Weil sogar Gaus ahnte, dass dieses Interview “Christian Klar ein paar Haftjahre mehr bescheren würde.” Tragisch! Man fragt sich, ob Antje Vollmer genauso viel Empathie aufbringen könnte, wenn es sich hier nicht um einen linken Terroristen handeln würde, sondern einen Neonazi? (Abgesehen davon, dass hier wieder behauptet wird, Christian Klar würde länger sitzen müssen, als eigentlich vorgesehen.)

“Diese Gesellschaft ist nicht rachsüchtig”, stellt Vollmer nun fest, nur um einzuschränken, “wenn man sie nicht medial aufpeitscht.” Und wo die Medienpeitsche geschwungen wird, ist die Bild nicht weit. Tatsächlich fordern “Bild, Beckstein und Westerwelle noch einmal ein paar Jahre mehr.” Was nicht zuletzt deswegen unverschämt ist, weil Terroristen wie Klar “länger gesessen haben als jeder andere” woraus zwangläufig folgt, “dass es dann auch wirklich vorbei sein darf, weil auch die Gesellschaft ein gutes Ende liebt.” Richtig, Klar bekommt einen Preis für besonders langes sitzen und die Gesellschaft hat das gute Ende, das es sich immer gewünscht hat. Alle können sich also freuen…ach ja, die Hinterbliebenen der Opfer sind nicht zur großen Versöhnungsparty eingeladen.

Für Vollmer ist es auch kein Beweis für einen funktionierenden Rechtsstaat, wenn Haftstrafen nicht deswegen verworfen werden, nur weil die von ihr Betroffenen zufällig linke und keine rechten Terroristen sind. Überhaupt verwendet sie lieber den Begriff “nachsiegen”, wo Rechtsstaat richtig wäre. “Wenn die Auseinandersetzung entschieden ist, sogar erfolgreich, dann noch mal und noch mal „nachzusiegen“, das ist etwas, das ich ablehne.” Wie steht Frau Vollmer eigentlich dazu, dass (viel zu wenige) Nazis nach der erfolgreich entschiedenen Auseinandersetzung Opfer von “nachsiegen” wurden? Dazu äußert sie sich nicht, es sei denn, der kryptischer Satz “Insgesamt hat es für die Verbrechen der Terroristen, gemessen an der Anzahl der Täter, eine Menge an Haftjahren gegeben”, gibt da irgendwie Antwort drauf.
Sie macht sich aber noch weitere Gedanken um das Phänomen des nachsiegen, und kritisiert die RAF. “Auch das RAF-Unternehmen, den deutschen Nationalsozialismus dreißig Jahre nach seiner Niederlage noch einmal, und zwar mit Gewalt, besiegen zu wollen”, fällt unter den Versuch des nachsiegen. Nun kann man die Bemühungen der RAF aber auch anders Interpretieren. Beispielsweise so, dass sie der Tradition ihrer Nazieltern treu blieben, und weiterhin in der Ermordung von Juden eine progressive Tat sahen. Nicht nur Ulrike Meinhof jubilierte, als israelische Sportler bei den Olympischen Spielen umgebracht wurden. Den linken Terroristen fiel auch die zweifelhafte Ehre zu, als erste Deutsche nach 1945 Juden von Nichtjuden zu selektieren.

Aber das alles ist gar nicht so wichtig, findet Vollmer, die sowieso für einen Schlussstrich von oben plädiert. “Persönlich habe ich mir das gewünscht und fände auch richtig, wenn diese ganze Zeit mit einem politischen Schlusswort des Bundespräsidenten beendet würde.” Wenn das so einfach ist, sollte Köhler aber nicht in den 1970ern aufhören. Wie wäre es denn, wenn auch die Zeit von 1933 bis 1945 mit einem Machtwort aus Bellevue gebannt wird?
Doch der Höhepunkt des Interviews ist erreicht, wenn Antje Vollmer die endgültige Terrorismusdefinition liefert. “Das Grundmuster von Terrorismus ist moralisch motivierter Lebensbruch […]!” Weil sie auch keinen Unterschied zwischen RAF-Terroristen und dem islamischen Terrorismus sieht, und nur weiß, dass auch “heute im Kampf gegen den weltweiten Terrorismus die Fehler gemacht werden, die damals hier passiert sind: Hysterie, Übertreibung, Überreaktion, Feinderklärungen, `Achse des Bösen´”, dürfen wir uns also Osama Bin Laden als einen moralisch motivierten Lebensbrecher vorstellen, dessen Taten zwar zu verurteilen sind, seine dahinter stehenden Motive aber durchaus edel sein können. Danke für dieses Interview, und jetzt, husch husch, schnell wieder die Abaya anlegen, und zu den Freunden nach Saudi-Arabien fliegen.

Advertisements
Explore posts in the same categories: Freaks, RAF, RAF-Groupies

2 Kommentare - “Es muss nicht immer Peymann sein – Vollmer über die RAF”

  1. Hamster Says:

    (Seitenstich)
    Nun darf und wird Frau Vollmer voraussichtlich auch bald noch ein Antifaschismus-Symobol öffentlich tragen.
    Haben wir da mit unserem Beitrag „für Meinungsfreiheit bzw. für das öffentliche Zeigen nationalsozialistischer Symbole“ nicht vielleicht ein Eigentor geschossen?
    (Seitenstichende)

  2. Chinaski Says:

    AM fürchterlichsten fand ich Volmers Hinweis in einer n-tv Talkshow, dass Albert Speer ja schließlich auch nur 20 Jahre im Gefängnis gesessen habe, und dass für Klar 20 Jahre dann auch geügen müssten. Diese offensichtlich sehr verwirrte Person übersieht da allerdings die Kleinigkeit, dass Albert Speer auch nur zu 20 Jahren Haft verurteilt worden war, und er wurde keinen Tag früher entlassen. Wenn man zum Zeitpunkt der Strafmaßfestlegung gewusst hätte, was Speer so alles auf dem Kerbholz hatte, dann wäre er sehr wahrscheinlich wie einige seiner Kollegen gehängt worden.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: