Wenn muslimische Gelehrte den Papst umarmen



Jörg Lau schreibt in der aktuellen ZEIT über eine Initiative muslimischer Gelehrter, die im amerikanischen Magazin Islamica auf die Regensburger-Rede des Papstes antworteten. So sehr dies zu begrüßen ist, so sehr erstaunt immer wieder die Tendenz vieler Journalisten, die damaligen muslimische Reaktion auf diese Rede zu verharmlosen. Im Text heißt es: Die gewalttätigen Reaktionen auf die Regensburger Rede haben Benedikt gezeigt, dass er in einem anderen Sprachspiel angekommen ist, in dem man mit höheren Einsätzen spielt. Was auch immer darunter zu verstehen ist.

Da wird eine zwar kritische, aber keinesfalls polemische Rede zu einer Streitschrift umgedeutet, die dem Ziel folgte, Moslems zu provozieren. Dies hatte Benedikt XVI nicht vor. Muslimische Fanatiker fühlten sich beleidigt, weil sie sich beleidigt fühlen wollten. Ähnliches konnte man zuvor im Zusammenhang mit den Mohammed-Karikaturen erleben, als aus einem Gerücht eine Ehrverletzung wurde. Kaum einer der Beleidigten hatte die Mohammed-Bilder gesehen, kaum einer hatte die Papst-Rede gelesen. Trotzdem schwenken viele Journalisten im Westen auf die Linie von religiösen Fanatikern ein, und gestehen ihnen zu, zu Recht entrüstet zu sein.

Es macht fast den Eindruck, als ob man im Westen aufgrund der rassistischen Hetzreden islamistischer Geistlicher, die jede Spur von Rationalität vermissen lassen, und blind gegen alles Hetzen, was sie für eine Gefahr des Islams halten, über jeden froh sind, der seinen Protest nicht gewalttätig äußert, sondern zu Papier bringt. Dies würde erklären, warum solche Äußerungen mit sehr viel wohlwollen betrachtet, und oftmals nicht besonders kritisch behandelt werden. So auch in Laus Artikel. Ein muslimischer Gelehrter bemängelt an einer Stelle, dass in der Regensburger-Rede die koranische Verpflichtung zur Gewaltlosigkeit in Frage gestellt, und nur als Produkt der anfänglichen machtlosigkeit Mohammeds dargestellt wird. Die muslimische Regel “Kein Zwang im Glauben“ hätte der Papst würdigen sollen, anstatt sie in Frage zu stellen, kritisiert der Gelehrte.

Dies steht ohne weitere Kommentierung da. Wenn man nun aber mal die Theorie an der Praxis misst, wird deutlich, wie zynisch diese Forderung ist. Religionsfreiheit gibt es in keinem arabischen Staat. Vor allen nicht in solchen Ländern, die sich als Hüter des wahren Glaubens verstehen, wie etwa Saudi-Arabien. Christliche Gemeinden werden immer kleiner, jüdische gibt es schon seit Jahrzehnten praktisch nicht mehr. In vielen muslimischen Ländern wird gar die Todesstrafe verhängt, wenn jemand eine andere Religion annimmt. Was also hätte der Papst loben sollen? Auf diese Diskrepanz wird in Laus Text nicht eingegangen.

An andere Stelle stimmt er den Gelehrten zu, wenn sie „zu Recht auf die Gewaltgeschichte des Christentums mit den unter der Folter erzwungen Konversationen und Geständnissen zu Zeiten der Inquisition“ verweißen. Genau an diesem Punkt wird aber der gravierende Unterschied deutlich. Die Katholische Kirche leugnet diese Verbrechen nicht, und reagiert auch nicht mit gewalttätigen Protesten, wenn sie darauf hingewiesen wird. Diese Verbrechen im Namen Gottes waren ein schrecklicher Irrweg, dieser wurde korrigiert, und darum wird heute nicht mehr zu Kreuzzügen aufgerufen.

Eine solche kritische Einstellung der eigenen Religion gegenüber, fehlt offenbar innerhalb der muslimischen Welt. Sonst würde man nicht das Oberhaupt einer anderen Religion angreifen, weil es daran zweifelt, dass die Glaubensfreiheit vom Islam wirklich garantiert wird, sondern zugeben, dass sich zwischen der koranischer Theorie und der Praxis ein Abgrund auftut. Es sind die eigenen geistlichen Eliten, die diese Freiheit abgeschafft haben, ihnen müsste die Kritik gelten.

Wenn muslimische Gelehrte in ihren Reaktionen darauf bedacht sind, es der Katholischen Kirche mit gleicher Münze heimzuzahlen (indem sie mittelalterliche Gräuel anführen, als ob diese aktuelle Gräuel entschuldigen könnten.), spricht daraus kein Wille, sich mit der Fehlentwicklung auseinanderzusetzen. Dieser Tatsache ist es wohl geschuldet, dass bis heute kaum scharfe Kritik von muslimischen Autoritäten zu vernehmen ist, die sich gegen die freitäglichen Hasspredigten, den, die islamische Welt zerfressenden Antisemitismus oder den Terror im Namen Allahs aussprechen. Und es wird auch nicht besser, wenn westliche Journalisten in diesem Zusammenhang gerne mal dürftige muslimische Reaktionen als Meilensteine feiern, und von einem „ehrlichen Dialog“ reden.

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One Comment - “Wenn muslimische Gelehrte den Papst umarmen”

  1. Hamster Says:

    Papst Benedikt hat die Transzendenz Allahs angemängelt, dessen Unerreichbarkeit mit den Mitteln der Vernunft und noch dieses würzige Zitat des frühen islam-Kritikers Manuel.

    Das war zwar ehrlich und nicht böse gemeint von Benedikt, er wollte ja lehren, aber die vorauszusehenden „Implikationen“ sind ihm entweder entgangen oder waren von ihm gewünscht.


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