Warum jüdische Geschichte einer Zeitmaschine ähnelt

Ein bislang unerfüllter Menschheitstraum ist es, mithilfe der Zeitmaschine in vergangene Epochen zu gelangen. Viele Rätsel könnten so gelöst werden. Saß Archimedes wirklich in der Badewanne, sang Nero vor der brennenden Stadt und was waren Goethes letzte Worte. Doch obwohl Wissenschaft und Technik rasante Fortschritte machen, und uns Mäuse mit Rückenohren bescheren, scheint eine funktionstüchtige Zeitmaschine noch auf sich warten zu lassen. Für all jene aber, die es nicht mehr abwarten können, gibt es übergangsweise eine Alternative: mit Leuten, die über das Judentum durchschnittlich gut informiert sind, über das Judentum sprechen! Wobei unter “durchschnittlich gut informiert” jene fallen, die einen Kausalzusammenhang zwischen Juden und Auschwitz herstellen können, wissen, dass Steven Spielberg jüdisch ist und ahnen, dass das Christentum ohne die biblischen Abentuer der Israeliten nicht denkbar wäre.

Sollte nämlich ein solch “Wissbegieriger” auf einen “Wissenden” treffen und diesen in eine Diskussion verwickeln, tritt eben jener Zustand ein, der einer Reise in der Zeitmaschine an nächsten kommt. Als Sprit dient dabei kein Benzin, sondern eine Argumentationskultur die kein Verweilen kennt und Problemlos für Ereignis A Ereignis B in den Zeugenstand rufen kann, selbst wenn zwischen A und B Epochen, Revolutionen und Königreiche liegen. Es beginnt eine rasante Fahrt durch die Weltgeschichte. Das moderne Israel und den biblischen jüdischen Staat trennen plötzlich keine Jahrtausende mehr, sondern nur zwei Sätze. Wie sah es damals mit Religionsfreiheit aus? Während darauf noch eine mit den UNO-Menschenrechten konforme Antwort gesucht wird, geht es schon folgerichtig weiter. Ein Wort bitte zum bösartigen Auge für Auge, Zahn für Zahn. Dann wird das Neunzehnte Jahrhundert begrüßt. Hallo Emanzipation, hallo Heine. Im Anschluss fällt das Gespräch schon wieder um fünfhundert Jahre zurück: spanische Inquisition. Auf der Suche nach dem exakten Alter des Judentums, stürzen die Zeitreisenden schließlich in die Ursuppe; das war wohl zu weit. Macht nix, nun wird Purim gefeiert, mit Wunderrabbis, Kippa und leider, leider Noam Chomsky. Im Anschluss geht es um die doppelte Loyalität, ehe über Volk und Religion gesprochen wird. Folgerichtig katapultiert dies die Reisenden wieder in die Neuzeit. Hitler kommt zur Sprache, aber nur kurz, denn eine Frage später ragt der Berg Sinai in die Höhe. Die Lebenssituation der Palästinenser ist von dort nur einige Kilometer und tausende Jahre entfernt. Wieder der Hinweis auf Auge für Auge, Zahn für Zahn. Zwischenstopp im Schtetl, scheint alles in Ordnung zu sein, also schnell Lea Rosh vom Friedhof Weißensee vertreiben, die Knochen bleiben wo sie sind! Nächste Stationen: Frankfurter Getto, Hollywood, Wucherzins, Klagemauer, Anatevka. Nach kritischen Worten über den Auserwähltheitsglauben, befinden sich die Reisenden plötzlich vor dem Holocaustmahnmal, warum auch immer. Auch dort ist kein verweilen möglich, weil wieder die Loyalität angesprochen wird (immer diese Loyalität), direkt danach ist weit und breit nur noch Wasser zu sehen. Kolumbus Fahrt nach Amerika! Ein dezenter Hinweis, dass der ja auch angeblich, vielleicht, man munkelt es, ist aber ja auch egal… für Hitler gilt übrigens dasselbe. Und schon geht’s ins Babylonische Exil, aus dem Krusty der Clown errettet. Jüdischer Selbsthass, New York und Zionismuskritik folgen, ehe nach einem letzten Abstecher in König Davids Jerusalem die rasante Tour durch die Geschichte wieder im Nahen Osten des hier und jetzt endet.

Wie gesagt, wer nicht warten will, bis die erste Zeitmaschine serienmäßig auf den Markt kommt, der soll sich bitte auf diese Weise vergnügen. Aber auf Dauer ist diese Reise, wie jede Reise, ermüdend und anstrengend. Die jüdische Geschichte bietet sich dafür so gut an, weil sie immer Echtzeit und immer Gegenwart ist, egal wie lange sie zurück liegt. Darum kann auch ein israelischer Militärschlag mit dem biblischen Rachegott erklärt werden und dass es Deutsche gibt, die keinen jüdischen Nachbarn haben wollen, ist so auch verständlich; wer will schon Tür an Tür mit einem wohnen, der zwischen Feierabend und Tagesschau mal schnell den Heiland ans Kreuz genagelt hat?

Advertisements
Explore posts in the same categories: Judentum, Unterhaltung, Zeitmaschinen

6 Kommentare - “Warum jüdische Geschichte einer Zeitmaschine ähnelt”

  1. Juebe Says:

    Es ist nicht nur eine Zeitmaschine, sondern zeitgleich das Spiel Hase und Igel.
    Sehr gut beschrieben – spitze!

  2. Anonymous Says:

    klasse Beitrag, ein kleines Meisterwerk, danke 🙂

  3. medbrain Says:

    Treffender kann man es nicht ausdrücken!

  4. nichtidentisches Says:

    Wenn es Zeitmaschinen einmal geben würde dann wäre von dort schon längst jemand in unsere Zeit gereist, um sie uns zu bringen, und wir wären vermutlich damit auch schon in frühere Zeiten gereist um sie den Menschen dort zu bringen. Was zur Folge hätte, dass wir nicht existieren würden. Darum wird es auch nie eine Zeitmaschine geben.

  5. Hamster Says:

    @nichti
    „Wenn es Zeitmaschinen einmal geben würde dann wäre von dort schon längst jemand in unsere Zeit gereist, um sie uns zu bringen, und wir wären vermutlich damit auch schon in frühere Zeiten gereist um sie den Menschen dort zu bringen. Was zur Folge hätte, dass wir nicht existieren würden. Darum wird es auch nie eine Zeitmaschine geben.“

    Diese Argumentationskette kann man einerseits mit der Multiversum-Theorie (Hawkings) abblocken, anderseits schliesst diese nicht das Reisen in die Zukunft aus.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: