Totenköpfe am Hindukusch

Bundeswehrsoldaten haben in Afghanistan mit Totenschädeln posiert. Die BILD präsentiert täglich neue Fotos und die Öffentlichkeit ist über diese Schnappschüsse vom Hindukusch empört. Im heutigen Tagesspiegel nahm nun Sibylle Tönnies die Soldaten in Schutz, doch ihre Argumentation kann nicht überzeugen.

Für sie handelt es sich bei diesem Skandal um nichts weiter als den Streich von „großen Kindern“, die noch nicht auf „eigenen Füßen stehen“ können und nun, gerade „unter der Schürze der Mutter hervorgekrochen“, eiligst in den „Befehlsstrukturen einer Armee nach Geborgenheit suchen“. Darum solle man sich nicht über ihre „frivole Verspieltheit“ wundern. Abgesehen davon, dass diese Fernanalyse der Reife deutscher Soldaten ziemlich gewagt erscheint, zumal das Alter einiger Beteiligter noch nicht bekannt ist, traut Tönnies jungen Menschen offenbar Selbstständigkeit und verantwortliches Handeln nicht zu.
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Um ihrer Argumentation nachtrug zu verleihen, verweißt sie auf ähnliche Scherze, die von jungen Medizinstudenten bekannt seien. Sowohl viele Soldaten als auch angehende Ärzte müssten sich dem Tod, der Teil ihres Alltags sei, erst auf solch makabere Weise nähern, um mit ihm umgehen zu können. Sicherlich ist der Druck in beiden Berufen enorm, doch kann Tönnies nicht einfach die Unterschiede zwischen der Funktion eines Arztes und der eines Soldaten ignorieren. Es ist eine enorm andere Symbolik, ob ein Medizinstudent, der Leben retten soll sich einen Spaß mit einem Schädel erlaubt oder ob es ein Mensch in Uniform ist, dessen Aufgaben auch das töten von Menschen mit einschließt. Außerdem ist dieser Vergleich auch aus dem Grunde falsch, da die einen sich noch in der Ausbildung befinden, während die anderen als Berufssoldaten ihr Geld verdienen.
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Woher Tönnies weiß, dass nicht „einem Toten schimpf“ angetan wurde, sondern „dem Tod“ und „seiner Hoheit“, bleibt ihr Geheimnis. „Fuck you“ wurde ihm ihrer Meinung nach zugerufen und dem Sensenmann dadurch „der Stinkefinger“ gezeigt. Dass ihm, wenn überhaupt, eher der Penis gezeigt wurde, ist in diesem Zusammenhang weniger relevant, als die Tatsache, dass es schlicht nicht möglich sein kann, schon jetzt seriös die Motive der Soldaten zu benennen. Diese Deutung ist demnach reines Wunschdenken.
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In den letzten Absätzen kritisiert sie dann die deutschen Auslandsmissionen grundsätzlich und trauert dem Schwurbruch nach, der da lautete: Nie wieder Krieg! Ein Schwur, der es den Deutschen nach 1945 erst ermöglicht habe, ihr gesenktes Haupt wieder zu heben. Eine Deutung, an der auch erhebliche Zweifel erlaubt sein dürfen.
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Soldaten, die mit Totenschädeln herumalbern sind einfach eine Geschmacklosigkeit und in jedem Fall ein Skandal. Einzig aus diesem Grund und der damit verbundenen Symbolik. Aus keinem anderen! Ob nun irgendwelche Islamisten dies als Propaganda missbrauchen, ist uninteressant, denn ihr Hass ist irrational und hat nichts mit dem tatsächlichen Verhalten des Westens zu tun; außerdem betreiben sie selber einen Totenkult ganz anderen Ausmaßes. Von daher ist die Empörung über die Fotos berechtigt, solange sie nicht aus falschen Motiven, nämlich der Angst vor einem Propagandaerfolg der Islamisten, erfolgt. Und Tönies Meinung aus dem Grund gefährlich, weil sie der Aushöhlung moralischer Grundwerte Vorschub leistet. Wer vor Toten keinen Respekt hat, kann diesen auch schnell vor Lebenden verlieren.

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One Comment - “Totenköpfe am Hindukusch”

  1. Astuga Says:

    Wenn man in diesem Fall mit solchen Artikeln etwas relativieren möchte, dann sicher nicht die Dummheit der Soldaten, sondern die überzogenen Reaktionen auf deren Fehlverhalten.

    Es geht zu weit sie als „Halbwüchsige“ darzustellen – oder schickt jetzt die Bundeswehr schon Kindersoldaten in alle Welt?
    Aber es sind eben Soldaten, keine Kindergärtnerinnen und es ist Afghanistan und nicht Mitteleuropa und es sind keine Abu Ghraib-Häftlinge sondern Knochen von-wer-weiß-wem die irgendwo in der Landschaft in einer Grube herumlagen.

    Und natürlich sind die Soldaten auch dort um Leben zu beschützen (!) und nicht nur um die Taliban zu jagen.
    Tatsächlich sind sie -zur Zeit- das einzige was zwischen Afghanistan und dem erneuten Abgrund steht.


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