Es ist wieder Bildungsstreik. Die Studenten-Demonstrationen zeichnen sich dadurch aus, dass zirka 98 Prozent der Teilnehmer nicht erklären können, welche Änderungen es konkret geben soll. Die Diskussionen, die ich an der Universität noch mitbekommen habe (vor einem halben Jahr), liefen immer so ab, dass die Protestler eine Sammlung an Phrasen in den Raum warfen, die ganz gut und griffig klangen, mehr aber auch nicht. Wer halt nur Parolen wie „Bildung ist keine Ware“ auswendig lernt, aber nicht weiß, was das genau bedeuten soll, steht einfach schlecht da, wenn genauer nachgefragt wird.
Mir waren die seltsamen Gestalten immer unsympathisch, die sich bei solchen Diskussionen zu Wortführern berufen fühlten. Zumal es diesen Studententyp vor allem in zwei Varianten gibt. Da ist zum einen der faule und immer leicht aus der Realität gelehnte Kerl mit langen Haaren, der das alles auch irgendwie nicht okay findet, wie das so abgeht mit Leistungsdruck und so. Durch besondere Lernbereitschaft zeichnet er sich nicht aus und ist schon aus Eigennutz dafür, dass jeder an der Uni in Ruhe gelassen wird. Wenn es nach ihm geht, wird er in den Hörsälen sein Leben verbringen und irgendwann vor der Mensa begraben. Hier ruht in Frieden Malte, er wurde 142 Semster alt.
Der sozialistisch zugedröhnte Student ist die andere, nervigere Variante. Er wirft mit Marx-Zitaten um sich und fragt pathologisch, ob unsere Gesellschaft wirklich besser als dies und das ist. So von wegen Ausbeutung und Kapital. Natürlich ist sie es nicht, stellt er immer wieder fest. Wenn man mehr als nur ein Seminar mit einem solchen Gesellschaftskritiker besuchen muss, stellt man fest, dass seine gesammelten Marx-Weisheiten ziemlich überschaubar sind. Drei, vier Sprüche sind es, mehr nicht. Der Leistungs- und Verwertungsdruck der Gesellschaft verhindert offenbar, dass man sich mit Marx gründlicher als auf dem Niveau von Kalendersprüchen beschäftigt.
Kein Wunder, dass man solche Studenten leicht in Verlegenheit bringen kann. Ich erklärte in Diskussionen immer, dass mir Karl Marx deswegen suspekt ist, weil er ein Globalisierungsfanatiker war, der die Zerstörung nationaler Industrien forderte (was er tat). Ein Kapitalist der heuschreckenhaftesten Art. Nie erhielt ich darauf eine konkrete Antwort, die meine Kritik entkräftet hätte. Stattdessen wurde mit anderen Beispielen aus seinem Werk gekontert, die seinen „Anhängern“ besser gefielen. Aber so ist es eben mit Religionen, jeder streicht sich die Stellen der heiligen Schriften an, die ihn besonders ansprechen.
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